WILHELM TELL tötete den Heiland

Der Schwyzer Nationalheld im Lichte der Geschichtskritik und Geschichtsanalyse


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Das vorliegende Thema wird auch in dem Buch des Autors besprochen:

Die alten Eidgenossen. Die Entstehung der Schwyzer Eidgenossenschaft im Lichte der Geschichtskritik und die Rolle Berns (2013)


Neue Erkenntnisse zur Gestalt des Wilhelm Tell

Analysiert man die Geschichte von Wilhelm Tell in allen Facetten, so erkennt man in der Gestalt verschiedene religionsgeschichtliche Anspielungen.

Tell ist ein guter Schütze, ein großer Jäger, der durch die Lande streift.

Man erkennt dahinter den alttestamentlichen Nimrod (ein großer Krieger vor dem Herrn) oder den Orion der griechischen Mythologie.

Diese Charakteristika entsprechen dem Grundprinzip der erfundenen Geschichte: Alle Geschichten - gleich ob in der Antike, dem Mittelalter oder in der Neuzeit angesiedelt - müssen eine christliche Grundlage haben. Das gilt auch für die Figuren: Tell ist Jesus-Mörder; aber er gehört zur christlichen Heilsgeschichte.

Die Schwyzer Ursprungs- und Befreiungsgeschichte fußt gänzlich auf biblischen und allgemeinen religiösen Erzählungen.

Man vergleiche auch den Ursprung des Namens SCHWYZER, Schweizer.


Tell-Darstellung aus einem Manuskript der Sammlung Meyer, Dietikon

Die Abbildung findet sich auch in dem Werk des Autors: Die Entstehung der Jahrzahl 1291. Beiträge zur Schweizer Historiographie: Stumpf - Schweizer - Daguet et al. (2012)


Wilhelm Tell mit Sohn

Farbskizze von Ernst Stückelberg (1831 - 1903) als Vorarbeit zu den Fresken der Tell-Kapelle

Öffentliche Kunstsammlung Basel

aus: Du, Nr. 1, Januar 1944

Eine sensationelle Entdeckung!

Die Sage von Wilhelm Tell gibt es auch in Schwaben. - Und auch dort ist der Armbrustschütze ein Jesus-Mörder!

Vor kurzem bekam ich aus Deutschland den Hinweis auf eine Tell-Sage in Schwaben:

Im Jahre des Herrn "1390" wollte Wilhelm (!), ein Gefolgsmann des Grafen von Zollern, auf Einflüsterung des Teufels ein unfehlbarer Schütze werden. Dazu hörte er sich in der Kirche des Klosters Stetten bei Hechingen viermal die Passion an. Danach nahm er seine Armbrust und schoß damit in der Landschaft auf ein Kruzifix. Beim dritten Schuß fing die hölzerne Figur des Heilands zu bluten an. Aber Wilhelm blieb danach im Boden stecken. Der Graf erfuhr von dieser Freveltat und ließ den höllischen Schützen enthaupten.

Stefan Schmidt-Lawrenz: Hechingen - Die Sage vom höllischen Schuß

Einleitung

Nationalhelden haben vor einer kritischen Geschichtsbetrachtung einen schweren Stand. In den meisten Fällen löst sich ihr angebliches Heldentum im Nichts auf. Und wenn diese Figuren noch in der älteren, also erfundenen Geschichte angesiedelt werden, so kommt man mitten in die Grosse Aktion der Geschichtsfälschung und Geschichtserfindung und ihre Blaupause. - Das gilt auch für Wilhelm Tell, eine Person, die wie kein Zweiter mit dem historischen Selbstverständnis der Schweizer Eidgenossenschaft verbunden ist.

Die schmale Quellenbasis

Die Sage von Wilhelm Tell ist ein recht unorganisch eingebettetes Teilstück der Befreiungssage der Waldstätte. Und die einzige und älteste Quelle ist das berühmte Weiße Buch von Sarnen – so genannt wegen des weißen Pergamenteinbandes. Das Werk ist ein Kompositum. Es enthält einen schmalen chronikalischen und einen großen urkundlichen Teil.

Datiert wird die Entstehung der Chronik des Weißen Buches auf die Zeit „um 1470". – Und einziges Argument dafür ist, daß bis um diese Zeit sämtliche Einträge von einer einzigen Schrift geschrieben worden sind.

Die obige Chronik ist klar von dem Berner Chronisten "Justinger" beeinflußt – dieser wird im Text auch genannt. Der soll „um 1432" geschrieben haben.

Doch die Chronik des Konrad Justinger ist ein historischer Gallimathias.

Die Abhängigkeit des Weißen Buches von Bern wird von der Wissenschaft anerkannt. Trotzdem hat man den Eindruck, daß dies den Forschern eher peinlich ist. So gab es denn Versuche, etwa von Bruno Meyer 1959, einen umgekehrten Weg der Beeinflussung zu behaupten: Nicht Bern habe die Geschichte den Waldstätten vorgegeben, sondern umgekehrt die Waldstätte den Bernern. – Aber solche Versuche waren nicht überzeugend.

Das Weiße Buch von Sarnen habe ich auf dieser Homepage in einem besonderen Artikel behandelt.

In meinem Buch Die alten Eidgenossen bin ich auch der Quellenfrage nachgegangen. Es ergab sich, daß so gut wie alle erzählenden Quellen zum Ursprung und zur älteren Geschichte der Eidgenossenschaft in Bern geschrieben wurden.

Sogar ein führender Name läßt sich zweifelsfrei feststellen: Es ist Michael Stettler - angeblich im ersten Drittel des 17. Jahrhunderts, tatsächlich aber erst vielleicht um 1750. Er und sein Umkreis haben alle wichtigen Chroniken zur Geschichte Berns und der Eidgenossenschaft verfaßt – unter verschiedenen Namen und in verschiedenen Fassungen.

Die Parallelen zwischen der Berner und der Urschweizer Befreiungsgeschichte, damit zwischen den Armbrustschützen Ryffli und Tell

Eine Stettlersche Schöpfung ist die dem erwähnten Phantom-Schriftsteller Justinger zugeschriebene älteste Berner Chronik. – Also ist das Weiße Buch frühestens nach 1750 entstanden. Mehr noch:

Die Befreiungsgeschichte Berns und der Waldstätte sind absolute Parallelitäten. Die Sage von Wilhelm Tell ist also eine städtische, nicht eine ländliche Schöpfung. – Die Urschweiz besaß keine eigene Geschichtsschreibung.

Hier soll nur auf eine augenfällige Parallele zwischen Berner und Urschweizer Befreiungsgeschichte hingewiesen werden:

Die Berner haben in ihrem Befreiungskampf einen ausgezeichneten Armbrustschützen namens Ryffli - ursprünglich Nifli geschrieben. - Der Urner Schütze heißt bekanntlich Tell.

In Nyfli (= NPL) steckt NEAPEL.

Ryffli hat in Bern ein Denkmal: den Ryfflibrunnen in der Aarbergergasse. - Das wichtigste Tell-Denkmal steht in Altdorf.

Tell eine historische Gestalt?

In meiner Matrix habe ich nachgewiesen, daß die Weltgeschichte erst gegen das Ende des 18. Jahrhunderts plausibel wird. Das gilt auch für die Geschichte der Schwyzer Eidgenossen. Die Chroniken, Urkunden und sonstigen schriftlichen Dokumente sind das Ergebnis einer Grossen Aktion der Spätrenaissance und des Barock.

Diese geschichtskritischen Erkenntnisse sind neu. Aber die Frage nach der Authentizität der Tell-Figur beschäftigt die Gelehrten seit Jahrhunderten. Bekanntlich hat der Berner Gottlieb Emanuel von Haller um 1765 in einer Schrift Wilhelm Tell, ein dänisches Märchen den Meisterschützen und Tyrannenmörder als Gestalt aus der nordischen Sage entlarvt. – Im Grunde ist die ganze Historiographie der älteren Schweizer Geschichte von den Anfängen bis heute eine Auseinandersetzung zwischen Befürwortern und Gegnern einer Geschichtlichkeit Tells.

Zuletzt haben vor, während und nach dem Zweiten Weltkrieg zwei Schweizer Historiker, Karl Meyer und Bruno Meyer, ein letztes Mal versucht, Wilhelm Tell als historische Gestalt zu rehabilitieren. – Deren Argumente waren allerdings mehr als gewagt und beruhten auf logischer Akrobatik und Zirkelschlüssen.

Wilhelm Tell und sein Sohn

Radierung von Daniel Chodowiecki, 1781. Aus: Wilhelm Tell. Ansichten und Absichten; Zürich 1991, 28


Tell wird auch in der offiziellen Geschichtsforschung heute nicht mehr als plausibel betrachtet. Aber diese Haltung ist eher durch den Zwang der Umstände als durch eine klare Willensentscheidung bedingt. - Nach wie vor hält man daran fest, daß an der Befreiungsgeschichte der Waldstätte und den dürftigen Nachrichten des Weißen Buches von Sarnen etwas Wahres sein müsse. - Und die chronologische Problematik wird vollständig ausgeblendet: Immer noch meint man, "vor etwa 700 Jahren" sei die Eidgenossenschaft gegründet worden.

Der Tell-Mythos

In der ursprünglichen Vorlage war Wilhelm Tell als Teil der Befreiungsgeschichte der Waldstätte gestaltet. In einigen Fassungen der Legende nahm der Meisterschütze aus Uri sogar am Bundesschwur auf dem Rütli und an den späteren Beratungen teil. – In der Kürze der Chronik des Weißen Buches wirkt seine Geschichte ziemlich aufgesetzt und unorganisch eingefügt. – Schon deswegen lohnt es sich, der Tell-Geschichte analytisch auf den Grund zu gehen.

Doch so weit ging bisher keine Betrachtung. Die Kritiker erkannten die Parallelitäten mit der nordischen Geschichte vom Meisterschützen Toko, dem isländischen Eigill und Bellerophon und seinen Söhnen in der griechischen Sage.

Uwe Topper weist auch auf die Namensähnlichkeiten hin: In Bellerophon liest man Tell heraus; in Toko steckt toxon, das griechische Wort für Pfeil. – Aber auch lateinisch telum ergibt den Namen Tell (Topper: Horra, 64 f.).

Die Tatsache, daß nordische und griechische Sagen in gleicher Weise die Tell-Sage enthielten und gestalteten, hätte eigentlich auf eine gleiche Zeitebene schließen lassen – eben die der Grossen Aktion der Renaissance und des Barocks.

Auch hätte ein technologisches Argument gebracht werden können. Wilhelm Tell ist nicht Bogen- sondern Armbrustschütze. Diese Schußwaffe aber ist auf älteren, „antiken" Abbildungen nirgends zu finden. Die Armbrust verrät allein schon die späte Entstehungszeit der Sage.

Das hauptsächliche Augenmerk bei der Tell-Betrachtung galt bisher dem Mythos, der auf dieser Heldengestalt aufgebaut wurde. – Die zahlreichen bildlichen Darstellungen belegen die Beliebtheit dieses Vorwurfs. In der Französischen Revolution wurde Wilhelm Tell zum revolutionären Freiheitshelden hochstilisiert und durch Friedrich Schillers Drama von 1804 erlangte der angebliche Freiheitsheld der Urschweiz endgültig Kultstatus und Weltruhm. – Der nationale Patriotismus des 19. Jahrhunderts festigte den Mythos – ungeachtet der Kritik einzelner Historiker.

Tell – eine humanistische Erfindung?

Wilhelm Tell hat auch heute noch seinen festen Platz in der allgemeinen historischen Vorstellungswelt. Das führt zu teilweise grotesken Erscheinungen. In der Schweiz etwa kommt es vor, daß sich Befürworter und Gegner einer politischen Sache auf die Legendengestalt Tell berufen.

Wie gesagt haben die Versuche im 20. Jahrhundert, Tell wieder als historische Gestalt anzusehen fehlgeschlagen. Aber die Forschung der letzten Jahrzehnte beließ es bei referierenden Darstellungen des Tell-Phänomens, wofür etwa die Werke von Lilly Stunzi (1973) und Jean-François Bergier (1990) stehen.

Erst nach 2000 wurde erstmals ein analytischer Ansatz vorgelegt.

Der Aufsatz von Walter Koller (2002), in einem Sammelband über den Historiographen Aegidius Tschudi erschienen, bietet trotz einiger Mängel den ersten und entscheidenden Schritt, um die Tell-Gestalt zu durchleuchten.

Zuerst stellt Koller ausdrücklich fest, daß der Inhalt des Weißen Buches Literatur und nicht Geschichte ist. – Bis anhin waren Forscher immer noch der Meinung, man könne und müsse aus dieser Quelle einen Wahrheitskern herausfiltern.

Dann erkennt Koller nicht nur in der Tellen-Geschichte, sondern auch in der eidgenössischen Befreiungsgeschichte eine humanistische Erfindung:

Der Bauer im Melchi spielt auf eine Stelle im Buch Samuel an.

Die Nötigung der Frau von Altsellen entspricht auf die altrömische Geschichte von Lucretia.

Die Geschichte des Burgenbruchs durch die Waldstätte gibt einen Topos der Renaissance wieder, nämlich daß die Burg aus einem ursprünglichen Zufluchtsort zu einem Hort des Lasters geworden sei.

Wilhelm Tell wird ebenfalls als humanistisches Märchen erkannt. Dabei wird auf die Bedeutung des Tyrannenmordes im Denken des Humanismus verwiesen.

Hier muß die Kritik am guten Ansatz von Walter Koller einsetzen.

Entgegen dem Titel seines Artikels wird keine tiefer gehende Analyse der Tellen-Geschichte geboten. Der Meisterschütze bleibt ein blosser Tyrannenmörder. Ungewollt erliegt Koller damit der bisher vorherrschenden Interpretation von der Wirkungsgeschichte her: Weil die meisten in Tell einen Freiheitshelden gesehen haben; der ein Volk von Unterdrückung und Tyrannei erlöst, so gilt diese Ansicht weiter.

Eine fundierte Analyse kann sich nicht zufrieden geben, gängige Meinungen zu kolportieren, sondern muß weiter fragen.

Die Parallelitäten zu  Wilhelm Tell

Kollers Ansatz ist gut, greift aber zu kurz. Um die Geschichte von Tell in seiner ursprünglichen Absicht fassen zu können, braucht es geschichtsanalytische Ansätze.

Der Nachweis von Parallelitäten ist der Königsweg zu einer richtigen Deutung.

Fomenko hat als Erster erkannt, daß die Textbücher der alten Geschichte sich inhaltlich und formal entsprechen. Ich habe diese Gedanken weiter verfolgt und sehe mit anderen Forschern eine Matrix, eine Grosse Aktion, eine Übereinstimmung in Motiven und Absichten bei der Abfassung der alten Geschichten.

Zentral ist für mich die Erkenntnis, daß die alten Geschichten christlich-religiös geprägt sind, gleich ob sie „biblisch", „antik" oder „mittelalterlich" sind. - Schließlich stehen alle diese Texte zeitlich auf einer Ebene, nämlich der Epoche der Grossen Aktion.

Könnte nicht auch die Geschichte von Wilhelm Tell einen solchen religiösen Aspekt haben?

Vor Jahren ist aus der Feder von Francesco Carotta (1999) ein Werk erschienen, das wie kein zweites als Schlüssel zu einer neuen Deutung der Gestalt von Wilhelm Tell dienen kann.

Der Autor erkennt dort die absoluten Parallelitäten zwischen den Taten von Julius Caesar und Jesus von Nazareth. Die Evangelien sind eine wortwörtlich übersetzte, mißdeutete und verdrehte Version der Vita Caesaris.

So wirkt Julius Caesar in Gallien, Jesus aber in Galiläa.

Wie Caesar in Rom einzog, so Jesus in Jerusalem.

Wie Caesar von Brindisi (Brundisium) über die Adria ans jenseitige Ufer nach Dalmatien segelt, so Jesus über das Galiläische Meer nach Dalmanuta.

Und Caesar wie Jesus werden Opfer einer Verschwörung und sterben den Märtyrertod durch einen Stich in die Brust.

Vertieft man sich in diese inhaltlichen Parallelitäten zwischen den verschiedenen Textbüchern, so tut sich ein faszinierendes neues Feld der historisch-philologischen Forschung auf. – Ich habe in der Matrix der alten Geschichte eine Fülle von solchen Vergleichen zusammengetragen – wie schon Fomenko vorher.

Um den Charakter einer Sagengestalt der erfundenen Geschichte richtig und in allen Aspekten zu erfassen, ist es häufig nötig, mehrere Parallel-Gestalten vergleichen zu vergleichen.

Die Seefahrt von Tell und Gessler ist gleich der Meerfahrt von Jesus und Caesar

Analysiert man unter diesen Aspekten die Tell-Sage, so wundert, daß bisher niemand die offenkundigen Anklänge an die Jesus-Geschichte erkannt hat.

Zentral ist dabei die Episode von der Fahrt über den Vierwaldstättersee. Nach dem Apfelschuß in Uri läßt Gessler den Tell binden und fährt zusammen mit ihm und ein paar Knechten in einem Boot über den Urner See nach dem Schwyzer Ufer. Ein Sturm kommt auf. Die Knechte raten ihrem Herrn, den Schützen loszubinden, da nur er das Unwetter besänftigen könne. Dem entfesselten Tell gelingt es tatsächlich, die Gefahr zu bannen – aber auch zu fliehen.

Wilhelm Tell nun eilt auf dem Landweg nach Küßnacht, wo er dem Vogt Gessler in der Hohlen Gasse auflauert und ihn mit einem Pfeil erschießt.

Erkennt niemand, daß es sich bei der Fahrt Gesslers über den Urner See um eine fast wörtliche Übersetzung einer entsprechenden Stelle aus den Evangelien Markus handelt?

Nach Markus 4, 35 ff. nehmen die Fischer Jesus mit auf die Fahrt über das Meer. Während der Überfahrt schläft der Heiland auf einem Kissen. Ein Sturm entsteht. Die Mannschaft weckt den Christ, der daraufhin den Sturm beruhigt.

Die Parallelen zwischen Tell und Jesus sind offensichtlich.

Tell ist nicht der Heiland, aber auf dem Urner Meer spielt er dessen Rolle. Dabei wird die Geschichte dialektisch abgehandelt: Tell ist gefesselt, ein Sturm kommt herauf. Das Unwetter kann nur durch die Entfesselung von Tell besänftigt werden. – Dem ruhig gestellten Schützen entspricht also in den Evangelien der ruhende Jesus. Indem dieser geweckt wird, kann er die unruhige See beruhigen.

Caesar landet in Dalmatien, Jesus in Dalmanuta - wie schon erwähnt. - Der Name drückt dabei das Ereignis aus, welches auf der Überfahrt des Heilands auftrat:

DALMATIAM = TLMTM > TMLTM = TUMULTUM, tumultus = Aufruhr. - Die aufrührerische See wird durch den Heiland beruhigt.

Der Nauen von Gessler landet ohne Tell am Schwyzer Ufer. Die Parallelstelle in den Evangelien nennt die Landungsstelle, es ist die Landschaft der GERASENER (Markus, 5, 1). – Der Ort am Vierwaldstättersee ist unschwer zu erraten; es ist GERSAU, ein Name, der sich von CHRISTUS ableitet.

Über die Ortsnamen mit Dalmatien vergleiche vom Autor: Die Ortsnamen der Schweiz (2016).

Weil die Geschichte Caesars die Vorlage für die Evangelien-Geschichte darstellt, so muß auch diese betrachtet werden, um die Erzählung ganz zu verstehen.

Caesar marschiert aus Gallien in Rom ein. Danach verfolgt er die Pompejaner, die sich nach Osten zurückgezogen haben. In Brindisi = Brundisium sammelt der Heerführer eine Legion und setzt mit ihr die Adria nach Ionien über. Dabei gerät Caesar in einen Seesturm. Trotzdem gelingt es ihm, die jenseitige Küste zu erreichen. Dort wird Caesar gegen die Felsen der CERAUNIER = GERASANER = GERSAUER getrieben.

Als Landschaft der Gerasener gilt heute das Ost-Jordanland mit der römischen Ruinenstadt GERASA. – Aber alle alten Ortsnamen im Osten des Mittelmeers wurden in nachantiker Zeit – im 18. Jahrhundert - aus dem Westen importiert.

Bei den Gerasenern nun gibt es einen Besessenen, den man nicht mehr fesseln kann, der in einer Höhle wohnt und der Legion heißt.

Ein Mann, der Legion heißt, ist ein Widersinn. – Aber das beweist, wie mangelhaft, um nicht zu sagen liederlich die Vita Caesaris von den Evangelienschreibern übersetzt worden ist.

Ein Höhlenbewohner namens Legion, der besessen ist. –Die Evangelisten haben hier die Geschichte von der Überfahrt der Legion über die stürmische See zu einem unverständlichen Brei vermengt. Durch den Vergleich mit den beiden Blaupausen gelingt es, die Erzählstränge zu entwirren.

Im Evangelium heilt Jesus den Besessenen, indem er dem unreinen Geist des Geraseners befiehlt, den Körper zu verlassen und statt dessen in eine Herde Schweine zu fahren. Die Sauherde stürzt sich darauf ins Meer. – Das predigen nachher die Christus-Jünger als Wunder ihres Herrn.

In der Caesar-Geschichte liest sich die Episode bei den Gerasenern so: Dem Feldherr gelingt es nicht, die in Albanien verschanzten Pompejaner zu besiegen. – Zudem bricht unter seinen Truppen eine Seuche aus.

Bei der Plünderung der Stadt Gomphoi in Ionien erbeuten die Caesarianer jedoch reiche Vorräte an Wein. Die Legion betrinkt sich, und so wird die Krankheit aus den Körpern der Soldaten vertrieben. – Diese Heilung gilt nachher als eines der Wunder Caesars.

Hier haben wir die mißverstandenen Parallelen: Indem sich die Legion betrinkt, wird sie wieder gesund. – Man könnte auch sagen: Indem sie durch Weintrinken die Sau herausläßt, verscheucht sie die Seuche.

In der Tellen-Geschichte ist Tell nach der Landung am jenseitigen Ufer des Vierwaldstättersees ein Besessener. Dieser sinnt auf Rache an Gessler und lauert ihm in der Hohlen Gasse bei Küßnacht auf.

Das aber ist ebenfalls eine absolute Parallelstelle zum Evangelienbericht: Bei den Gerasenern wohnt der Verrückte in einer HÖHLE; Tell aber lauert Gessler in der HOHLEN Gasse auf.

Aber wer ist dieser Gessler?

Gessler ist Jesus Christus

Der Name Gessler hat drei Aspekte:

Zuerst ist Gessler ein Vogt. Dieser Name leitet sich von lateinisch advocatus ab. Das kann der Fürsprecher oder Sachwalter eines Königs oder Kaisers sein. Aber da ein römischer Kaiser sich auch als Gott verehren läßt, so haben wir schon hier die Bedeutung eines Stellvertreters Gottes, eines Gottessohnes.

Wer sich weigert, dem Stellvertreter des Allmächtigen zu huldigen, begeht Majestätsbeleidigung. – Tell der Waldmann tut dies und begeht damit einen religiösen Frevel.

Dann hat der Name GESSLER einen Anklang an GEISSLER. – Diese Anspielung ist richtig. Carotta weist nach, daß die Evangelienschreiber hier das griechische Verb flein = dringend fordern mit lateinisch flagellare = geißeln falsch übersetzt haben (Carotta, 334).

Der Zusammenhang ist dieser: Caesar bittet seinen Rivalen Brutus dringend, den Frieden zu wahren. – In den Evangelien ist es Pontius Pilatus, der Jesus ausfragt und nachher binden und geißeln läßt.

Wilhelm Tell und sein Apfelschuß

Holzschnitt aus der gedruckten Chronik von Petermann Etterlin, angeblich „1507". – Nach dem Autor aber nicht vor 1750 anzusetzen.


Gessler ist also zuerst Pontius Pilatus. Als solcher läßt er Tell fesseln und will ihn später geißeln. – Aber der gleiche Vogt ist auch Caesar. Diesem wird vorgeworfen nach der Königswürde zu streben. Und als Herrscher könnte er verlangen, daß man seinen Hut grüßt.

Nun aber hat Gessler noch einen zweiten Namen. Dazu aber muß wiederum auf die älteste Berner Geschichtsschreibung und deren führenden Kopf Michael Stettler zurückgekommen werden. Dieser Berner Historiograph - angeblich aus der ersten Hälfte, sicher aber erst aus der Mitte des 18. Jahrhunderts - erwähnt Gessler ebenfalls. Aber sowohl handschriftlich als auch im Druck nennt Stettler ihn GRYSSLER. - Dieser Name ist leicht zu deuten. Dahinter verbirgt sich CHRISTUS. – Im Grunde verständlich, denn wenn Caesar eine Christus-Figur ist, so muß es auch die Caesar-Parallele Gessler sein.

Sowohl Caesar wie Jesus fallen einem heimtückischen Anschlag zum Opfer und werden mit einem spitzen Gegenstand umgebracht.

Was für Caesar und Jesus gilt, muß deshalb auch auf Gessler zutreffen: Der Vogt wird aus einem Hinterhalt heraus - also in heimtückischer Weise - mit einem Pfeil - also einem spitzen Gegenstand - in die Brust getroffen und getötet. – Und auch Tell gelingt es zu fliehen. Er kehrt nach Uri zurück.

Sogar der Ort, in dessen Nähe die Hohle Gasse liegt, hat eine Bedeutung. Das Dorf heißt KÜSSNACHT. Die Konsonantenfolge CSNT aber läßt sich als SNTS lesen (C und S sind austauschbar). Daraus aber liest man das lateinische Wort SENATUS heraus. – Caesar wurde bekanntlich im Senat ermordet. Ebenso wurde Jesus im Synedrion, dem griechischen Wort für Senat verurteilt.

Wilhelm Tell ist in der ursprünglichen Absicht der Geschichte ein Jesus-Mörder.

Tell: ein Danaer-Geschenk der Berner Geschichtsschreibung?

Wir wiederholen: Die Befreiungsgeschichte der Waldstätte wurde von Bern vorgegeben und übermittelt. – Das muß nach der Glaubensspaltung gewesen sein. Das protestantische Bern lieferte den katholischen Waldstätten freundeidgenössische Hilfe in Sachen Geschichtsdichtung

Die ältesten Chroniken können nicht genug sorgfältig auf verborgene Anspielungen und Bedeutungen untersucht werden. – Das gilt auch für das Weiße Buch von Sarnen als angeblich erste Quelle für die Tellen-Geschichte.

Man muß annehmen, daß die Beschenkten zu ihrer Zeit noch gewußt haben, welche nur schwach verhüllte Tendenz in jener Sage vom Meisterschützen Wilhelm Tell verborgen war: Die Schwyzer Waldleute am Vierwaldstättersee werden als verbohrtes Volk dargestellt, welche sich dem neuen Glauben entgegenstellen und Gottes Sohn töten.

Sobald sich die Tellen-Sage verbreitete, sind Zweifel an der Geschichtlichkeit dieser Gestalt aufgetaucht. Die Tell-Kritik begann nach der Mitte des 18. Jahrhunderts. – Aber bisher ist keine Stimme bekannt, welche an der verhüllten wahren Bedeutung dieses angeblichen Freiheitshelden Anstoß genommen hätte.

Zum heutigen Zeitpunkt läßt sich noch nicht sicher sagen, ob die Berner ihren Miteidgenossen in der Innerschweiz tatsächlich eine Art Danaer-Geschenk gegeben haben.

Literatur

Berchtold, Alfred (2004): Guillaume Tell: résistant et citoyen du monde; Carouge-Genève

Bergier, Jean-François (1990): Wilhelm Tell. Realität und Mythos; 1990

Carotta, Francesco (1999): War Jesus Caesar? 2000 Jahre Anbetung einer Kopie; München

Guillaume Tell et la libération des Suisses (2010); Neuchâtel (Sammelband)

Koller, Walter (2002): Wilhelm Tell – ein humanistisches Märchen; in: Aegidius Tschudi und seine Zeit; Basel; 237 – 268

Marchal, Guy P. (2006); Schweizer Gebrauchsgeschichte. Geschichtsbilder, Mythenbildung und nationale Identität; Basel

Marchi, Otto (1971): Schweizer Geschichte für Ketzer oder die wundersame Entstehung der Eidgenossenschaft; Zürich

Pfister, Christoph (2014): Historische Denkmäler in der Schweiz. 34 helvetische Erinnerungsstätten, kritisch betrachtet; Noderstedt

Pfister, Christoph (2013): Die alten Eidgenossen. Die Entstehung der Schwyzer Eidgenossenschaft im Lichte der Geschichtskritik; Norderstedt

Pfister, Christoph (2012): Die Entstehung der Jahrzahl 1291. Beiträge zur Schweizer Historiographie: Stumpf - Schweizer - Daguet et al.; Norderstedt

Pfister, Christoph (2013): Die Matrix der alten Geschichte. Eine Einführung in die Geschichts- und Chronologiekritik; Norderstedt

Pfister, Christoph (2016): Die Ortsnamen der Schweiz. Mit einer Einführung über die vesuvianische Namensprägung Europas; Norderstedt

Salis, Jean-Rodolphe von (1973): Ursprung, Gestalt und Wirkung des schweizerischen Mythos von Tell; in: Tell - Werden und Wandern eines Mythos; Bern und Stuttgart

Topper, Uwe (2002): Horra. Die ersten Europäer. Die Entstehung der Metallzeit in neuer Sicht; Tübingen

Wilhelm Tell: Ansichten und Absichten (1991); Zürich

Zelger, Franz (1990): Der manipulierte Held – Das Beispiel Wilhelm Tell; in: Historienmalerei in Europa, Mainz; 389 – 406


2003 - 2016