Das Weiße Buch von Sarnen ist eine Sagensammlung, keine Geschichtsquelle!


Das Weiße Buch von Sarnen: Kritik an einer Chronik

Historiker klammern sich an einen Strohhalm, um die Mär von den alten Eidgenossen zu retten!

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Das sogenannte Weiße Buch von Sarnen

Titelbild der Druckausgabe von Albert Züst, Zürich 1941


Die Gründungsgeschichte der Eidgenossenschaft, also die Vertreibung der Vögte, der Burgenbruch, der Rütlischwur und die Schlacht bei Morgarten sind historische Fiktionen.

Bei Wilhelm Tell geben die Historiker zu, daß diese Gestalt erfunden ist.

Bei der Gründungsgeschichte winden sich die Forscher. Sie verweisen auf das Weiße Buch von Sarnen als Geschichtsquelle.

Aber im Weißen Buch ist nichts Historisches  zu finden. Die Herkunft dieser Quelle ist mehr als rätselhaft. Und die Bemühungen heutiger Historiker, die Chronik von Sarnen als authentischen Bericht zu retten, sind ärgerlich und lächerlich zugleich.

Mit dem Weißen Buch, Wilhelm Tell und mit der übrigen märchenhaften Geschichte der alten Eidgenossenschaft bis zum 18. Jahrhundert, setze ich mich in dem folgenden Buch auseinander:

Die alten Eidgenossen. Die Die Entstehung der Schwyzer Eidgenossenschaft im Lichte der Geschichtskritik und die Rolle Berns (2013)

Zur ursprünglichen Bedeutung der Tellen-Legende vergleiche auch den Online-Artikel:

Wilhelm Tell: ein Jesus-Mörder

Die Befreiungslegende der Waldstätte stützt sich neben dem Weißen Buch von Sarnen vor allem auf den berühmten

Bundesbrief von 1291

Doch auch letzterer ist ein windiges Dokument, das einer kritischen Überprüfung nicht stand hält.

Über die Quellen zur Entstehung der Eidgenossenschaft und ihre Interpretation bei den Chronisten und Geschichtsschreibern vergleiche auch meine Untersuchung:

Die Entstehung der Jahrzahl 1291. Beiträge zur Schweizer Historiographie: Stumpf - Schweizer - Daguet et al. (2012)


Ein erneutes Interesse an Tell und der Gründungsgeschichte der Eidgenossenschaft

Im Zusammenhang mit dem Jubiläum 200 Jahre Wilhelm Tell von Friedrich Schiller interessierten sich die Medien wieder für den historischen Hintergrund des Dramas, Die Fragen lauten etwa;

In der Berner Zeitung vom 31.7.2004 meldete sich mit dem einfallslosen Titel Wilhelm Tell hat real existiert ein alter Bekannter in einschlägigen Kreisen. Der Leserbriefschreiber Claudio Schärer, ein Freizeithistoriker, hat Jahre aufgewendet, um durch eine skurille Interpretation von Archivalien Tell als historische Person zu beweisen. Sein Buch mit dem kopernikanisch anmutenden Titel Und es gab Tell doch, erschien 1986. - Ich versuchte darin zu lesen, aber es ist mir nicht gelungen. - Das Werk ist wertlos.

Am 6.8.04 publizierte die Berner Zeitung  wiederum einen Beitrag auf der Leserseite, der die Argumentation von Schärer in einem anderen Sinne fortführte. - Der Schreiber, Angelo Garovi, war seines Zeichens Staatsarchivar des Kantons Obwalden. Er unternahm das Gleiche wie Schärer, von einer anderen Warte aus. 

Der besagte Archivar preist nämlich die einzige erzählende Quelle über Tell und die Befreiungsgeschichte, das sogenannte Weiße Buch von Sarnen.

Dieses Dokument wird in Sarnen verwahrt. Der Staatsarchivar fühlte sich deshalb offenbar als Gralshüter der sagenhaften Befreiungsgeschichte.

Was in diesem Leserbrief unter dem Titel Wie ein Mythos entsteht über die genannte Quelle berichtet wird, ist kalter Kaffee und längst widerlegt. - Aber die Berner Zeitung publizierte zu diesem ärgerlichen Beitrag eine aufgeschlagene Seite aus diesem Weißen Buch - offenbar vom Archivar selbst eingereicht.

Zu der Illustration: Seit Jahren beobachtet man die Tendenz von offiziellen Historikern, der erfundenen alten Geschichte dadurch nachzuhelfen, daß man ausgiebig und meistens farbig, "uralte" Dokumente, also Handschriften, Urkunden, Bilder und  Gegenstände reproduziert.

Die dahinterstehende Absicht ist klar: Mit Gold und Farbe soll offenbar der dahinterstehende zweifelhafte Gehalt der Quellen überstrahlt werden. - Gleichzeitig hoffen die Historiker, sie könnten einer absurden älteren Geschichte etwas Glaubhaftigkeit verleihen.

Und allgemein: Die Historiker, welche eine Sage historisch zu unterlegen suchen, klammern sich an jeden Strohhalm. Jede noch so windige Quelle wird herangezogen und dem Publikum als Beweis hingestellt.

Aber eine farbig dargebotene farbige Doppelseite aus dem Weißen Buch (vgl. die Abbildung) hindert uns nicht daran, an diesem schon fast mythisch überhöhten Dokument Kritik zu üben.

Reproduzierte Seite aus dem Weißen Buch von Sarnen in der Berner Zeitung vom 6.8.2004

Machen Reproduktionen eine windige Quelle glaubwürdiger?


Das Weiße Buch von Sarnen: Schon die Herkunft ist zweifelhaft

Die Entstehungsgeschichte des Weißen Buches, so wie sie von dem besagten Archivar kolportiert wird, ist ein einziger Gallimathias.

Zuerst die allgemeinen Dinge über jenes Dokument aus Sarnen:

Das Weiße Buch von Sarnen (benannt nach dem weißen Einband) wurde 1854/55 von Zürcher Historikern entdeckt. - Beachtet wurde zuerst nur der erzählende Teil.

Aber das Weiße Buch ist ein Konvolut. Er besteht aus einer kleinen Chronik von zehn Seiten Druckumfang und einem über dreihundert Seiten starken Urkundenteil.

Die Urkunden reichen "vom 14. Jahrhundert" bis "1607". - Und bis "1470" sind alle Diplome von einer Hand geschrieben. Deshalb datierte man die Entstehung auf das letztgenannte Jahr.

Im erzählenden Teil macht die Legende von der Befreiung der Waldstätte und die Tell-Geschichte knappe zehn Seiten aus.

Inhaltlich ist die Chronik des Weißen Buches eine Kopie aus Passagen der Berner Stadtchronik von Konrad Justinger und aus der gedruckten Chronik von Petermann Etterlin.

Nur die Tellen-Geschichte findet sich nicht bei Justinger. - Aber auch Tell ist aus Bern entlehnt.

An der Entstehungslegende des Weißen Buches stimmt fast nichts

In meinem erwähnten Buch Die alten Eidgenossen habe ich mich ausführlich mit Justinger und dem Weißen Buch beschäftigt. Es ergab sich, daß an den offiziellen Behauptungen, sowohl zu dem Chronisten wie der Sarner Chronik, nichts wahr ist.

Zuerst gilt es zu wissen, daß das Weiße Buch erst um 1855 entdeckt wurde. Weshalb so spät? Wo wurde die Handschrift versteckt gehalten? - Wurde das Buch vielleicht erst im 19. Jahrhundert hergestellt?

Die Apologeten der alten Entstehung des Weißen Buches gehen solchen unangenehmen Fragen aus dem Weg.

Ich bin in diesem Falle sogar bereit, eine frühere Entstehung des Weißen Buches anzunehmen. - Aber das kann allerhöchstens bis zum Ende des 18. Jahrhunderts reichen.

Das Weiße Buch ist ein typisches Fälschungs-Elaborat: Indem eine Chronik mit einer Urkundensammlung zusammengebunden wurde, sollte notarielle Glaubwürdigkeit erzeugt werden.

Ebenfalls suchte man die frühe Entstehung dadurch zu begründen, daß man einen einzigen Schreiber sowohl die Chronik, wie auch alle Urkunden bis zum sagenhaften Jahr "1470" schreiben ließ.

Der Chronist Justinger wird in der Erzählung des Weißen Buches erwähnt. Mit dieser Konzession sollte offenbar vor dem Leser vertuscht werden, daß die Sarner Chronik ein Elaborat aus Bern ist.

Justinger oder die Entstehung der Berner und eidgenössischen Chronistik

Bei der Untersuchung der Grundlagen und Quellen der älteren Schweizergeschichte habe ich nachgewiesen, daß dieser "Justinger" ein Phantom-Schreiber ist, erfunden und geschrieben von dem Berner Historiographen Michael Stettler (angebliche Lebensdaten 1580 - 1642). Die Berner Chronik ist nicht vor der Mitte des 18. Jahrhunderts entstanden.

Als Justinger-Kopie ist die Chronik des Weißen Buches deshalb nach 1760 entstanden.

Stettler erfand auch alle anderen Berner Chronisten, also Tschachtlan, Diebold Schilling und Valerius Anshelm. Die eidgenössische Geschichtsschreibung ist vollkommen von diesem Stettler abhängig und steht in seiner Nachfolge. Das gilt besonders für den Historiographen Ägidius Tschudi, dessen Riesenwerk erst um 1760 glaubwürdig ist.

Quellenkritisch ist an der Erzählung des Weißen Buches nichts Plausibles drin; das Werk ist historische Fiktion.

Bruno Meyer und sein ärgerlicher Versuch, das Weiße Buch historisch zu legitimieren

1959 publizierte ein Historiker namens Bruno Meyer - dem der besagte Staatsarchivar weitgehend folgt - unter dem Titel Weißes Buch und Wilhelm Tell (Neudruck: Weinfelden 1985) eine Betrachtung über dieses Thema, die schärfsten Widerspruch herausfordert.

Der Autor sucht mehr oder weniger folgende unangenehme Einwände zu parieren:

Bruno Meyer (nicht zu verwechseln mit dem Historiker Karl Meyer, der Wilhelm Tell ebenfalls als historische Person sah) zweifelt nicht einen Augenblick, daß das Weiße Buch "um 1470" entstanden ist. - Nirgends gibt es eine Anspielung auf die späte Entdeckung von 1855.

Dann erfindet Bruno Meyer einen Landschreiber namens "Hans Schriber" - wie hätte ein Amtsschreiber anders heißen können! - Dieser habe in den Waldstätten  "um 1470" gewirkt und sei der Verfasser der Chronik des Weißen Buches.

Aber es kommt noch besser: Schriber hätte sich einer damals vorhandenen "Urfassung" bedient. - Das ursprüngliche Werk sei "um 1430" geschrieben worden.

Und selbstverständlich kennen wir auch Amtsschreiber vor 600 Jahren in Obwalden namentlich und sehr genau. Es war ein Mann namens "Johannes Wirz". - Woher Bruno Meyer diesen Namen herholt, bleibt rätselhaft.

Nun kommt Bruno Meyers logischer Salto Mortale:

Nicht Justinger habe die Vorlage für die Befreiungsgeschichte der Waldstätte geliefert. Vielmehr habe Wirz den Justinger unterrichtet!

Bruno Meyer dichtet auch, daß Wirz eigens nach Bern gereist sei und Justinger über die Befreiungssage unterrichtet habe!

Vielleicht hätte Bruno Meyer auch sagen können, ob Wirz für seinen Weg nach Bern die Brünigbahn benutzt und bei seinem Besuch in der Aarestadt im Hotel Schweizerhof übernachtet hat!

Ein Johannes Wirz also hätte "um 1430" die Urfassung der Befreiungsgeschichte und die Tellengeschichte niedergeschrieben!

Aber damit hat Bruno Meyer immer noch ein Problem: Wir erklärt man sich, daß erst über hundertdreißig Jahre später eine so wichtige Begebenheit wie der Freiheitskampf des Schwyzer Bundes niedergeschrieben wurde? - Gab es vorher keine Geschichtsschreiber?

Meyer nun weiß auch hier Rat: Der Verfasser des ersten Weißen Buches habe in seiner Jugend noch "Augenzeugen" befragt!

Die Lebenserwartung in der Innerschweiz muß in einem sagenhaften 15. Jahrhundert unglaublich hoch gewesen sein. - Anders kann man sich nicht vorstellen, daß ein Amtsschreiber dort über hundertjährige Augenzeugen von Ereignissen befragen konnte!

Offenbar gab es "um 1400" noch Augenzeugen von Tells Apfelschuß!

Für Bruno Meyer gibt es ein letztes Hindernis für seine unmögliche Obwaldner Genese der Befreiungsgeschichte: Tell soll bekanntlich zuerst als "dänisches Märchen" gegolten haben.

Aber auch hier erweist sich Meyer als ein Meister der Spitzfindigkeit: Den Tell habe es gegeben, weil eine schriftliche wie mündliche Übertragung des dänischen Stoffes auf die Innerschweiz unmöglich ist (B. Meyer: Weißes Buch und Wilhelm Tell; Weinfelden 1985, S. 127).

Weshalb unmöglich? Hat etwa die Zensur alles abgefangen?

Bruno Meyer hat gesprochen, die Sache ist erledigt!

Zudem bringt Meyer noch seitenlange pedantische Ausführungen über Tells Apfelschuß: Die Schlußfolgerungen aus diesen stumpfsinnigen Grübeleien sind unerhört:

Ein Innerschweizer Apfelschuß ist nicht das gleiche wie ein skandinavischer Schuß!

Gerade bei den letzten Behauptungen wird deutlich: Bruno Meyer mißachtet nonchalent jede historische Deontologie. Er mißbraucht die Geschichte und ihre Quellen,  um freihändig das herauszulesen, was er beweisen will.

Karl Meyer hat sich bereits mit solchen absonderlichen logischen Kunstübungen hervorgetan, um seine waghalsigen Thesen zu belegen. - Doch dieser hatte wenigstens Stil. - Bruno Meyer hat außer dem gemeinsamen Nachnamen gar nichts.

Doch keine Geschichtsklitterung ist zu einfältig, als daß sie bei Wissenschaftern nicht Gehör findet.

Demgegenüber müssen wir festhalten:

Das Weiße Buch ist auch mit Sophismen und logischen Sprüngen nicht als Geschichtsquelle zu retten.

Die Befreiungsgeschichte und Wilhelm Tell sind literarische Erzeugnisse der Renaissance und der Barockzeit und vor dem zweiten Drittel des 18. Jahrhunderts undenkbar.

Die Tell-Legende der ursprünglichen Fassung des Weißen Buches ist eine christliche Erbauungsgeschichte.

Über die Gestalt des Wilhelm Tell vergleiche auch mein Buch:

Historische Denkmäler in der Schweiz. 34 helvetische Erinnerungsstätten, kritisch betrachtet (2015)


2016