Die Divina Commedia von Dante:
ein Werk des frühen 19. Jahrhunderts
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Dante und Vergil auf der Höllenbarke
(Dante et Virgile aux enfers)
Gemälde von Eugène Delacroix, 1822, 189 x 241,5 cm
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Bisherige Vermutungen zur zeitlichen Einordnung von Dante
In meiner Matrix der alten Geschichte habe ich ein Kapitel
Petrarca, Dante und Thomas von Aquin: verfrühte Geistesgrössen.
Dort lege ich dar, dass sowohl Petrarca wie Boccaccio den Dichter Dante als ihren Lehrer bezeichnen.
Das übrige Quattrocento kennt den Dichter der Divina Commedia nicht. – Erst Machiavelli nach 1500 erwähnt ihn.
Die Verehrung für Thomas von Aquin bedingt ebenfalls eine späte Entstehung des Hauptwerks von Dante.
Man muss den Dichter Dante zur nationalen italienischen Literatur rechnen.
Diese Strömung ist am Ende des 18. Jahrhunderts aufgekommen, mit Vittorio Alfieri und Ugo Foscolo.
Der letztgenannte Dichter wird sich auch als Autor von Dante herausstellen.
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Die Numerologie führt zum Verfasser der Commedia
Eine numerologische Überlegung über ein Werk von Dante brachte den Stein ins Rollen.
Genau am «16. April 1311» soll Dante Alighieri eine Huldigung an den deutschen Kaiser VII. verfasst haben.
Der Dichter erhoffte von dem Herrscher eine Regeneration Italiens.
Selbstverständlich widerspricht dieses Datum der Geschichts- und Chronologiekritik.
Aber etwas muss daran real sein:
Ein italienischer Dichter wendet sich an eine überragende zeitgenössische politische Gestalt Europas.
Spontan überlegte ich: Was, wenn man das Datum von 1311 um 500 Jahre nach vorn verschieben würde?
Man kommt zu einem Jahr 1811. Genau um diese Zeit erreichte Napoleon Bonaparte,
die überragende Gestalt des damaligen Europas ihren Zenith.
Als nächstes studierte ich die Biographie des oben genannten Ugo Foscolo. Die Vermutung war richtig:
Foscolo war als national gesinnter Literat ein glühender Verehrer von Napoleon.
Mehr noch: Genau um diese Zeit – also um 1811 – verfasste Ugo Foscolo eine Orazione a Buonaparte:
Das ist nicht der einzige Hinweis auf eine Verbindung zwischen Dante und Napoleon:
Die biographischen Eckdaten von Dante Alighieri sind nach denen von Napoleon konstruiert.
Also:
Dante wird in den 1260er Jahren geboren – Napoleon in den 1760er Jahren.
Dante stirbt 1321 in der Verbannung – Napoleon 1821, ebenfalls in der Verbannung.
Und Ugo Foscolo? Er stirbt 1827, ebenfalls im Exil, aber in England.
Foscolo schrieb einen vielbeachteten Kommentar zu Dantes Divina Commedia.
Schrieb er nicht vielmehr die gesamte Dichtung?
Entlarvend ist auch eine wichtige Episode in der Commedia:
Dort wird von dem schrecklichen Hungertod des florentinischen Adeligen
UGO-lino della Gherardesca berichtet.
Hinter diesem Namen erkennt man ein Alter ego von Ugo Foscolo.
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Die Dante-Rezeption begann um 1820
Das Werk von Dante kann aus den oben genannten chronologischen und inhaltlichen
Gründen
erst ab etwa 1820 von der Kunst, der Literatur und später von der Wissenschaft aufgenommen worden sein.
Den Anfang machte Eugène Delacroix mit seinem Gemälde Dante und Vergil.
Hierauf folgte Boccaccio mit seinen Zeichnungen zu Dantes Inferno. –
Aber Boccaccio soll doch in ein 14. oder 15. Jahrhundert gehören?
Man sieht, die Zeitstellungen wurden erst nachher geschaffen.
In den 1860er Jahren folgte Gustave Doré mit seinen Holzstichen zu Dantes Commedia.
In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts betrieb der Graubündner Pfarrer
Giovanni Andrea Scartazzini zum ersten Mal wissenschaftliche Forschungen zu Dante Alighieri.
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Schlussfolgerungen
Dante, beziehungsweise Ugo Foscolo stehen am Anfang des Risorgimento,
des kulturellen und politischen italienischen Nationalbewusstseins.
Die Divina Commedia feiert in mittelalterlichem Gewand den kulturellen
Neu-Aufstieg Italiens.
Ein anderes Werk von Dante trägt deshalb den Titel: La Vita Nuova.
In diesem Buch geht es um die Emanzipation der italienischen National-Sprache.
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Andere Hinweise auf die Zusammenhänge zwischen Dante und Napoleon
Ich bin nicht der erste, welcher die Beziehungen zwischen Dante und Napoleon sieht.
2021 gab es in Brescia eine Ausstellung über den Mythos von Dante und Napoleon.
Dort wurde auf die grundlegende Rolle von Dante und Napoleon zu Beginn des 19. Jahrhunderts
und ihren symbolischen Wert für den Aufbau der nationalen, kulturellen, sprachlichen und bürgerlichen Identität
in Italien hingewiesen.
Die Zusammenhänge werden also gesehen. Aber es bleibt ein blinder Fleck übrig:
Man will Dante und sein Werk nicht als Schöpfung des napoleonischen Zeitalters sehen.
Die Chronologiekritik existiert nicht im offiziellen Diskurs.
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9.4.2026