Peter Franz Joseph Müller

Die Ursprache

Düsseldorf 1815

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Ein grundlegendes Werk der Philologie
und Sprachgeschichte, leider zu wenig beachtet.

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Einleitung

Vor zehn Jahren hat der Autor (CP) das Buch von Peter Franz Joseph Müller:
Meine Ansicht der Geschichte
(Düsseldorf 1814) entdeckt und in einer Besprechung gewürdigt.

Jenes Werk ist grundlegend für die vom Rezensenten als zentrales historisches Thema erkannte
Geschichts- und Chronologiekritik.

Leider hat er das zweite Werk von P.F.J. Müller: Die Ursprache (Düsseldorf 1815) zwar notiert, aber nicht ausgewertet. Das sei hier wenigstens in groben Zügen nachgeholt.

Das über 900 Seiten starke Buch stellt nicht nur eine fast unerschöpfliche Fundgrube für die Wortkunde dar. Es versucht zum ersten Mal eine Geschichte der Sprachen aufzuzeigen. Dabei zeigt sich Müller als genialer Philologe, der in weiten Teilen zu den selben Schlussfolgerungen kommt wie der Rezensent.

Leider ist P.F.J. Müller fast unbeachtet geblieben. - Sogar biographische Angaben zu seiner Person fehlen völlig. - Hätte man dessen Erkenntnisse aufgenommen, so wären den Wissenschaften von den Wörtern und Sprachen eine zweihundertjährige Spanne von Irrtümern und Fehldeutungen erspart geblieben.

P.F.J. Müller sieht Deutsch als die universelle Ursprache. Das mag hoch gegriffen sein. Aber Müllers Interpretation der einzelnen klassischen und modernen Sprachen und deren Verhältnis untereinander sind weitgehend richtig. Vor allem werden die Lehren der "Indogermanistik" widerlegt, bevor sie aufgestellt wurden.

An dem Buch Die Ursprache kann kein Sprachwissenschaftler und und Namensforscher vorbeigehen. Ansonsten bleibt man im philologischen Sinne in Dogmatismus und Orthodoxie stecken.

Müllers allgemeine Sicht der Geschichte

Das Werk über die Ursprache ist ein Jahr nach demjenigen über die Geschichte erschienen.
Und in der Vorrede wird das zentrale Motiv hinter den Bemühungen des Autors wiederholt:

Es ist die Kritik am Geschichtsglauben - man könnte auch sagen der Glaubensgeschichte.
Müller hält diese für eine idée fixe.

Trotz aller Kritik betont der Autor bei der Betrachtung der Dinge die Einheit in der Vielfalt.

Auf die Sprachgeschichte angewendet hält Müller, dass die Verschiedenheit der Sprachen
das Dasein einer Ursprache nicht ausschliesse.

Müllers Beurteilung der klassischen Sprachen Hebräisch, Griechisch,
Lateinisch, Slawisch, Persisch, Sanskrit

Allgemein sind für Müller diese Sprachen jung,
niemals gesprochene Sprachen und nicht Volkssprachen
.

Auch seien sie trotz ihrer scheinbar reichen Ausgestaltung in Grammatik, Syntax und Vokabular
in einem gewissen Sinne unvollkommen.

Das gelte besonders für die hebräische Sprache.

Griechisch sei jünger als Latein. - Merkmale dafür zeigten sich im Vorhandensein des Duals,
des Aorists und der Partizipien.

Sowohl Lateinisch wie Griechisch hätten ein unmögliches Kalenderwesen gehabt,
das sich nie durchsetzte.

Lateinisch jedoch hätte am meisten Einfluss auf die deutsche Sprache ausgeübt.

Besonders das Sanskrit hält der Autor für sehr jung und für eine reine Kultsprache.
Sie enthält sogar deutsche Endungen.

Und das Sanskrit-Gesetzbuch des Manu spricht sogar von "Feuergewehren"!

Nur für Friedrich Schlegel ist Sanskrit die Ursprache, getreu dem Motto Ex oriente lux.

Sogar die einsilbigen Sprachen Ostasiens sind für Müller keine originalen Sprachen, keine Ursprachen.

Lateinische und griechische Autoren belegen nach Müller indirekt das höhere Alter des Deutschen:

24: Sokrates bei Platon sagt, dass die Barbaren älter seien als die Griechen.

34: Tacitus behauptet, die Deutschen hätten den Weinbau von den Römern gelernt.
- Dabei hat das Deutsche einen viel grösseren Wortschatz über diesen Wirtschaftszweig.

Weshalb sich das Deutsche als erste Sprache, als Ursprache durchgesetzt habe.

Hier behauptet Müller zuerst, dass eine Spracheinheit zu einer Volkseinheit geführt habe.

Dann hebt der Autor die Elemente hervor, die das Deutsche zu einer reich ausgestalteten
und daher gesprochenen Sprache gemacht hätten.

Zentral ist für Müller die "umfangreiche Sprachverstaltung" (420).

Im Einzelnen will das heissen:

Nicht nur die Laute, die dem Wort wesentlich angehören, können ausgeworfen werden.
Es können auch fremde Buchstaben an- und eingeschoben werden.

Müller spricht dabei von Versetzungen, Wegwerfungen, Umbildungen, Verlängerungen, und so weiter (593).

Vielleicht am einfachsten ist dieser Vorgang zu verstehen als
kaleidoskopische Laut- und Buchstabenvertauschung
.

116: Der Zusammenhang in der Bildung mehrerer Wörter aus einem einzigen Stammwort sei
einer der schönsten Vorzüge der deutschen Sprache, den die aus willkürlichen Bruchstücken
zusammengekoppelten anderen Sprachen nicht erreichen konnten,

115: Fast jedes deutsche Wort sei in allen seinen Ableitungen noch erkennbar, z. B.: Rede, reden,
Redner, Rednerkunst, beredt, Beredsamkeit, Redensart, abreden, ausreden,
vorreden, verreden, überreden, usw.

Dies ergab nach dem Autor eine Verdeutschung der Urwörte
durch Verbindung neuer Begriffe mit denselben
(563).

Als Fazit ergibt sich für Müller:

Das Volk, das die erste zusammenhängende Sprache erfunden hat,
ist auch das Urvolk
(912).

Also schliesst der Autor mit einem pathetischen Appell:

"Deutsche! forscht eurer Sprache nach, sie ist die Sprache der Welt" (936)!

Müllers These verstehen, bevor man ein Urteil fällt

Es gilt die Ansichten des Autors von Die Ursprache zuerst aus der Zeit der Entstehung zu betrachten:

Wir befinden uns am Anfang der zuverlässigen Geschichte und kurz nach Ausbildung der klassischen und modernen Sprachen.

Und in den über zweihundert Jahren nach der Entstehung jener Sprachbetrachtung ist eine Menge dazugekommen.
Nicht nur viele Theorien sind vorgebracht worden.
Auch die europäische Geschichte hat ihre Spuren hinterlassen in Form von Nationalismus und in Kriegen.

Müllers Erhebung des Deutschen als Ursprache ist eine philologische Erkenntnis
und hat nichts mit nationaler oder völkischer Überheblichkeit zu tun.

Für den Rezensenten ist es gewagt, das Deutsche als wichtigstes europäisches Sprachsubstrat anzusehen.

Aber etliche von Müllers Thesen decken sich mit eigenen Erkenntnissen und werden
in die Neuausgabe von Die Ortsnamen der Schweiz (2024) übernommen werden.

Der Rezensent meint seit langem, dass Elemente einer älteren Sprache erhalten sind in den deutschen Dialekten,
im Jiddischen, im Slawischen, in der hethitischen Sprache Kleinasiens,
im Keilschrift-Akkadischen in Mesopotamien, auch im Kurdischen.

Die romanischen Sprachen hingegen haben nur wenige Reste aus dem Fundus der "Ursprache" bewahrt,
gelten aber heute als Hauptidiome der irrigerweise so genannten "indogermanischen" Sprachen.

Aber es ist vielleicht irrig, nach einer Ursprache zu suchen. Dies deswegen, weil es am Anfang der Menschheit
vor ein paar hundert Jahren noch keine grammatikalisch und syntaktisch fixierte Sprache gab.

Am Anfang hatte man es wahrscheinlich mit einsilbigen und später zweisilbigen Lauten zu tun.
Erst später formten sie sich zu grammatikalisch und syntaktisch strukturierten Sprachen.

Wie dem auch sei: Über die Anfänge der menschlichen Kultur und Zivilisation
- damit auch die Entstehung der Sprachen - wissen wir wenig bis gar nichts.

Die historische Zeitschwelle lässt sich nicht durchbrechen.

Einzelheiten und Beispiele aus Müllers Ursprache

Silbenvertauschung (Metathese):

Am-pel > Lam-pe

Au-gust > Gust-av

45: Die vielen deutschen Ausdrücke für den Bereich Weinbau.

46: lat. coquere wird im dt. wiedergegeben mit: kochen, brauen backen brennen

48: die verschiedenen Pferde-Wörter im Dt.: Pferd, Mähre, Gaul, Füllen, Hengst, Ross,
Wallach, Rappe, Schimmel, usw.

103 f: die vielen Tierlaute im Dt.: der Bär brummt, die Taube gurrt, usw.

113 ff.: Der Reichtum des Dt. bezüglich der Ausdrucksweisen.

117 ff.: Die Anfangsbetonung hat sich im Dt. erhalten, auch als die Wörter mehrsilbig wurden.
Die allgemeine Ausdehnung ist geblieben.

Die anderen Sprachen sind demgegenüber Bruchstücke, abgerissene Teile.

Der Reichtum an Wurzelwörtern: lat. sin-ere > la-ssen, ten-ere > hal-ten,
engl. deal > han-deln, coin > pe-cun-ia

466 f. : lat. annus > jahr-an > das Sonnenjahr

467: Da also die lat. Sprache von ihrer ersten Kindheit an das Jahr
mit dem deutschen Worte Sonne, ausdrückt, und kein anderes Wort dafür bat,
so muß notwendig die Deutsche Sprache älter als die lateinische sein.

507: frz. allemand > Edelmann, die Person mit vererbbarem Grundbesitz.

Entgegengesetzte Begriffe: 584: lat. hiems, russisch sima > Winter, Sommer

Verlängerung der Urwörter: 536 ff.

537: lat. agaso > Ochs

540: cerasus > niederländisch kers

550: Pelasgi > Wälsche

563 ff.: Verdunkelung der Urwörter durch Verbindung neuer Begriffe mit denselben.

589 ff.: Fremde Begriffe. Mehrfache Begriffe eines und desselben Wortes

590 f.: lat. ver-bum > Wort, werfen, Wer-k, Vor-wurf

587: frz. an-c-ien > alt, neu

594 ff.: Bildung neuer Wörter aus dem einen Urwort

595: signu-m > Zeichen > engl. token

orbare > rauben > frz. rober > it. rubare

599: Säule = gr. asyl-on > lat. c-olu-mna

lat. di-rigo > richte

gr. bapto > baden

431: gr. idion > ei-g-en

445: gr. basileo > be-f-ehle

446: lat. agmen > W-ege, W-agen

458: frz. fesse > Ge-säss

636: Dirne, Dienerin; Druide > Trauter, gr. dryades

639: Grotte > gerodet, also ein dt. Urwort

650: zweifelhaft: Wald > voll holt (Holz) (plattdeutsch)

658 ff. Gebrauch des Urworts mit einer Fallendung, Person, Zeit, usw.

661: grämet > 3.Pers. Sing. zu lat. gemere, gemeret

667 ff.: Unveränderte oder wenig veränderte Urwörter in den neuen Sprachen

669: Burg, bourg: gr. pyrgos, lat. pyrgus, Berg, bergen

711 ff: Die anderen Sprachen sind aus dem Deutschen genommen, nicht umgekehrt.

740 ff. Übersicht der Geschichte mit Rücksicht auf Sprache

 742: Die Geschichte des wahren römischen Reichs ist für uns leider
fast ganz verloren, und nur dem einzigen Napoleon und seinen Miteingeweihten bekannt.

742: Der Verfall des Römischen Reichs ist der Verfall des Afterreichs

749 ff. Vor- und Zunamen der Menschen, Namen der Orte und Flüsse.

767: Ausführungen über Kaiser Karl IV.:
Dieser sei wahrscheinlich ein Haupt von Burgund gewesen.

777: Tolentino, Toledo, Toul, Toulon

770 ff.: Die Namen der Völker, Orte, Flüsse

799 f.: Agra (Indien), Agram (Kroatien), Acerra (Neapel), Aegina, Arcadia, Ancyra

818 ff.: Kritik an der griechischen und römischen Geschichte

819: Als Beispiel erwähnt Müller die Lücke zwischen Aeneas
in Latium und der Gründung Roms unter Romulus.

Die "Zwischenzeit" von Romulus bis Julius Caesar.

820: Weshalb besang erst Vergil unter Augustus die Heldentaten des Aeneas?

821: Der Zeitraum zwischen Julius Caesar und Karl dem Grossen
ist nach Müller unbefriedigend ausgefüllt.

825: München könne nicht von Mönch kommen, da unter Friedrich
das Mönchstum noch nicht existierte (!). Diskutabel (CP)!

861: Beispiel für Übertragung von Ortsnamen zu Geschlechtsnamen:
Loe > Hohen-Lohe; Born, Brunnen, Borneo, Heilbronn

889: Bärenklau > Barkley, Berkeley, Berg, Bork, Brocken, Praga

894 ff.: Schimpfnamen

896 f.: Seneca nennt einen Strassenräuber phileto > polnisch fil-ut,
französisch filou, Substantiv: filouterie.

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NB: Die Beispiele werden im Laufe der Auswertung
von Müllers Werk fortgesetzt.

2025