Uwe Topper: Kalender-Sprung

"Ein schreckliches Durcheinander!"

Über Uwe Toppers Buch: Kalendersprung (Tübingen: Grabert Verlag 2006)


Der Geschichtskritiker Uwe Topper und seine Publikationen

In der Szene der Geschichts- und Chronologiekritiker im deutschen Sprachraum ist Uwe Topper bekannt. In vielen Büchern, aber auch in Beiträgen für Zeitschriften und durch Vorträge hat er sich seinen Namen verdient. Ich schätze Topper als unbestechlichen Geist mit einem kritischen Sinn. Besonders bei kunsthistorischen Betrachtungen und bei Buchrezensionen kommt sein Talent gut zur Geltung.

Der Autor begann seine Publikationen mit dem Erbe der Giganten (Olten: Walter 1977), einer neuen Betrachtung der Ur- und Vorgeschichte Europas. Das Buch ist noch heute lesenswert. Seine Ausführungen über die alten Gleiswege am Mittelmeer sind hoch interessant und regen an, selbst diesen Dingen nachzugehen.

Die Grosse Aktion (Tübingen: Grabert 1998) kam mir gleich beim Erscheinen in die Hände und bedeutete für mich einen riesigen Sprung vorwärts in dem Thema der Geschichts- und Chronologiekritik.

Danach kamen etliche weitere Bücher von Topper (Erfundene Geschichte, Fälschungen der Geschichte, Zeitfälschung). - Das erstgenannte kann man vergessen, die beiden anderen brachten mancherlei interessante Anregungen, zeigten aber auch schon gravierende Schwächen.

Aus den bisherigen Büchern wurde klar:

Toppers Stärke liegt in Einzelbeobachtungen, in der kunst- und literarhistorischen Kritik. - Nirgends bietet er ein Gesamtbild. Topper bezeichnet seine Unternehmungen als "Geschichts- und Zeitrekonstruktion". - Aber wie das Bild unserer Kultur am Anfang der Geschichte vermutlich ausgesehen hat, welche Entwicklungen wahrscheinlich am Ursprung stehen, wird nicht erklärt

Kalendersprung oder Gedankensprung?

Uwe Toppes Kalendersprung enthält vorzügliche Einzeldinge, wie man es schon aus seinen früheren Publikationen gewohnt ist. - Aber gleichzeitig treten auch die Schwächen des Autors teilweise kraß hervor.

Deutlich wird vor allem eines:

Topper hat kein Konzept. Das Buch ist eine lose Aneinanderfügung von Themen von unterschiedlichem Zusammenhang und verschiedenem Umfang. 

Schon bei der ersten Durchsicht wird klar, warum das Buch nicht befriedigt:

Topper ist - wie schon gesagt - gut in Einzelbeobachtungen. Dagegen fällt er sofort ab, sobald er ein Gesamtbild entwirft. Es fehlt dem Autor an geistiger Disziplin.

In dem Buch will Topper die Entstehung des neuzeitlichen Europas "um 1500" erklären. Aber damit ist er überfordert. Dem Werk fehlt ein klarer Aufbau und eine kohärente Struktur.

Topper verzettelt sich in einzelne Gebiete und Themen. Diese behandelt er in unterschiedlicher Gründlichkeit, häufig eher oberflächlich. Der interessierte Leser wird bald enttäuscht. Auch bei Einzelheiten wird die Neugier nicht befriedigt, weil der Autor bald zu einem anderen Gedanken hüpft.

Von Irland über Spanien nach Arabien

Das Werk behandelt zuerst tatsächlich, was der Titel vorgibt: Wie unser Kalender entstand. Dabei wird die Gregorianische Kalenderreform erwähnt, wird von Präzessionssprüngen und dem Sonnen- und Mondkalender gesprochen und auch Claudius Ptolemäus abgehandelt.

Aber schon der nächste Teil Die Ausbreitung des Christentums in Europa handelt in Tat und Wahrheit von Irlands kultureller und literarischer Vergangenheit.

Toppers Verbundenheit mit Iberien fordert einen eigenen Teil über Spanien und über Christoph Kolumbus.

Die Betrachtungen über den flämischen Maler Hieronymus Bosch machen einen Sechstel des gesamten Buches - 65 Seiten - aus. Nun bieten sich die rätselhaften Inhalte von Boschs Bildern tatsächlich für geschichtskritische Überlegungen an. - Aber rechtfertigt das diese Ausführlichkeit in dem Buch? - Wäre es nicht besser gewesen ein Buch zu schreiben über "Bosch als letzte Bekundung der heidnischen Religion vor der Christianisierung der Niederlande"?

Topper nimmt auch viele Themen auf, die er bereits in früheren Büchern behandelt hat. Die Figurenwelt der Romanik gehört dazu. Aber in diesem Teil findet man - völlig unlogisch - plötzlich ein dreiseitiges Kapitel über das bekannte Buch von C.W. Ceram: Enge Schlucht und schwarzer Berg. - Was haben die Hethiter in Europa "um 1500 AD" verloren?

Sogar bei einzelnen Kapiteln ist man nicht sicher, daß wirklich das in der Überschrift genannte Thema behandelt wird.

Da gibt es ein vierseitiges Kapitel Dante als Humanist. - Dort aber wird zuerst über anderthalb Seiten von altdeutscher Kunst erzählt. - Stammte Dante aus Köln?

Gewisse Kapitel behandeln zwar das im Titel genannte Thema, aber so wirr und unzureichend, daß man am Schluß so klug ist wie vorher.

Der dem Publikum wenig bekannte Joachim von Fiore würde manchen interessieren - auch mich. Aber was in dem Kapitel erzählt wird, ist wirr. Immerhin finde ich dort einen Satz, der meine Empfindungen treffend wiedergibt: Ein schreckliches Durcheinander! (S. 299)

Die älteste Chronik der Deutschen: Hartmann Schedel ist ein wichtiges historiographisches Werk aus dem Anfang der Geschichte. Sogar die Illustrationen in dieser Inkunable sind hoch bedeutend. Was Topper darüber denkt, würde mich interessieren.

Aber das Kapitel über Schedels Weltchronik macht gerade eine Seite Text aus! - Da schaut man doch lieber in Wikipedia nach!

Topper ist auch sehr am Islam und der arabischen Kultur interessiert. Diese Betrachtungen verdienten zu Recht einen Teil in dem Buch.

Aber muß "Ibn Chaldun" deswegen gleich eine Betrachtung von 15 (!) Seiten bekommen? - Ist jener arabische Kulturhistoriker eines legendären Mittelalters für Europa wichtiger als Hartmann Schedel oder Dante?

Die angeführten Beispiele beweisen, wie wenig Topper seine Thematik durchhält, wie oft er sich verzettelt und den Faden verliert.

Interessante Einzelheiten

Wie schon gesagt, bietet Topper in allen seinen Büchern interessante Einzelheiten. Diese allein lohnen schon eine Konsultation seiner Werke. - Auch in Kalender-Sprung gibt Gedanken und Hinweise, die es lohnen wiedergegeben zu werden.

Wilhelm Kammeier war der erste Mann des 20. Jahrhundert, der die ältere, "mittelalterliche" urkundliche und chronikalische Überlieferung systematisch und wissenschaftlich widerlegt hat. - Topper widmet ihm in seinem Buch zu Recht eine Würdigung auf sieben Seiten (S. 351 - 358).

Die Carmina Burana - angeblich eine mittelalterliche Liedersammlung, in Mittellatein geschrieben und 1847 veröffentlicht, hat Topper bereits vor Jahren als Fälschung ihres Herausgebers, des Germanisten Andreas Johannes Schmeller entlarvt. - Man nimmt die Widerlegung gerne zur Kenntnis (S. 300 - 304).

"Der literarische Architekt Vitruv" - eine Parallelität zum Renaissance-Architekturtheoretiker Leon Battista Alberti - hat bei Topper ein kurzes, aber informatives Kapitel bekommen (253).

In Wie unser Zeitstrahl geschaffen wurde, wird Josef Justus Scaliger, Dionysius Petavius und deren Chronologie-Schöpfung behandelt (S. 370 - 372) - allerdings viel zu kurz, nicht ausführlicher als schon in Die Grosse Aktion.

Das neunseitige Literaturverzeichnis am Schluß des Buches stellt eine Fundgrube dar für Interessierte, die zu einzelnen Themen weiterlesen möchten.

Hier eine Bemerkung in eigener Sache:

Von meinen Büchern wird im Literaturverzeichnis nur die Analyse der Geschichte der alten Eidgenossen aufgeführt: Die Mär von den alten Eidgenossen. - Das Werk ist aber jetzt völlig überarbeitet und heißt Die alten Eidgenossen (2013).

Und vor allem fehlt mein großes Buch Die Matrix der alten Geschichte (2013). 

Wer meine Thesen kennt, weiß auch von den Unterschieden zwischen mir und Topper:

Topper sieht den Beginn der heutigen europäischen Kultur "um 1500" - oder vor 500 Jahren.

Ich aber setze den Anfang des heutigen Paradigmas ins 18. Jahrhundert.