Diebold Schilling: Jammertal und das Mosaik der Alexanderschlacht aus Pompeji

Der verblüffende Zusammenhang zwischen pompejanischer und Renaissance-Kunst

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Das Thema wird auch behandelt in dem Buch:

Die alten Eidgenossen. Die Entstehung der Schwyzer Eidgenossenschaft im Lichte der Geschichtskritik und die Rolle Berns (2013)

ebenfalls in:

Die Matrix der alten Geschichte. Eine Einführung in die Geschichts- und Chronologiekritik (2013)


Pferd in Perspektive von hinten auf dem Alexander-Mosaik (links) und auf dem Schilling-Bild der Laupenschlacht (rechts)

Die gewagte perspektivische Verkürzung ist ein typisches Moment der Renaissance-Malerei - erst gegen 1750/1760 vorstellbar. - Während das Alexander-Mosaik reine Renaissance darstellt, so versucht Schilling, den Eindruck von "Mittelalter" zu erwecken.


Sogenannte Spiezer Chronik des Diebold Schilling

Illustration der "Schlacht im Jammertal 1298"

(Vonn der Slacht im Jamertal darinne eß denen von Bernne glücklich erging)


Die Bilderchronik des Diebold Schilling wird konventionell in die Zeit "um 1483" gesetzt. - Tatsächlich sind sowohl Text als auch Illustrationen erst in der Zeit um etwa 1760 oder später glaubwürdig: Schrift, Einzelheiten in den Bildern und Kriterien im Text lassen keine frühere Entstehung zu.

Das merkwürdige Deutsch dieser Chronik und die noch merkwürdigere Orthographie widerspiegeln nicht eine "alte Zeit", sondern sind bewußte Kunstgriffe der Geschichtsfälscher: Damit sollte ein hohes Alter der eben geschaffenen Texte vorgegaukelt werden. - Die Wissenschafter haben diesen Betrug bisher geglaubt.


Diebold Schilling und das Alexandermosaik

Die Bedeutung des Bilderschmucks der sogenannten Spiezer Chronik des Berner Diebold Schilling ist mir im Verlaufe der Untersuchung einsichtig geworden. Der anonyme Künstler hat die Textvorlage von „Justinger“ kongenial illustriert. Die genaue Betrachtung zeigt immer neue überraschende Einzelheiten und ungewohnte Zusammenhänge.

Besonders ein Bild der illustrierten Justinger-Chronik (Spiezer Schilling) fällt bei einem kunstgeschichtlichen Vergleich auf: die Darstellung der Schlacht von Jammertal (angeblich "1291" oder "1298" geschlagen).

Wie groß der Stellenwert dieses erfundenen Ereignisses innerhalb der Justinger-Stettlerschen Berner Geschichtskonstruktion ist, wurde betont.

Die Analyse der Jammertal-Illustration von Diebold Schilling weitet sich zu einem Lichtblick auf die Zusammenhänge zwischen Geschichtserfindung und pompejanischer Religion und Kunst.

Bereits Fomenko sind verblüffende Ähnlichkeiten zwischen pompejanischer Kunst und italienischen Künstlern der Renaissance aufgefallen.

Beispielsweise ähnelt das berühmte, 1831 entdeckte Mosaik der Alexanderschlacht aus der Villa des Fauns in Pompeji  in Komposition, Stil und Einzelheiten dem Fresko Die Schlacht Konstantins des Grossen an der Milvischen Brücke gegen Maxentius in den Stanzen des Vatikans.

Mosaik der Alexanderschlacht aus Pompeji, Haus des Fauns, 1831 entdeckt


Wie bei allen antiken Bildern heißt es zu diesem Mosaik-Gemälde, dies sei eine "römerzeitliche Kopie eines griechischen Originals". - Doch das Bild erweist sich als "antike" Kunst der Renaissance. - In Rom gibt es zwei Vergleichsbilder von ähnlichen Dimensionen.


Aus diesen und anderen künstlerischen Vergleichen kommt Fomenko zum Schluß: Pompeji ist eine mittelalterliche Stadt der Renaissance (Fomenko: History, 64).

Auch ich komme zu immer mehr kunsthistorischen Vergleichen zwischen Pompeji und der Renaissance.

Beispielsweise hat der Früchtekorb von Caravaggio eine unmittelbare Entsprechung in dem Feigenkorb aus der pompejanischen Villa von Oplontis (Torre Annunziata)

Und die berühmte liegende Venus des Tizian aus Urbino hat eine frappante Ähnlichkeit mit der liegenden Mänade aus einem Haus im westlichen Teil von Pompeji.

Die künstlerischen Ähnlichkeiten zwischen Pompeji und italienischer Renaissance sind derart, daß nicht ein vager Einfluß, sondern ein zeitgleicher Austausch stattgefunden haben muß: Bekannte Renaissance-Künstler wie Raffael, Pietro da Cortona, Michelangelo, Caravaggio, Tizian und Tintoretto - oder ihre Alter egos - scheinen in jener später verschütteten Stadt am Vesuv gewirkt zu haben.

Pompeji war also zu einer gewissen Zeit nicht nur der bedeutendste Wallfahrts-Ort der altchristlichen vesuvianischen Religion. Die Stadt spielte auch eine große Rolle als Pflanzstätte eines neuen „antiken“ Kunstempfindens. Dieser Einfluß strahlte bis nach Norditalien – aber zweifellos auch auf die Nordseite des Alpenbogens.

Damit kommen wir zu dem erwähnten Bild der Jammertal-Schlacht des Diebold Schilling zurück.

Die genaue Betrachtung der Illustration zeigt dem sensibilisierten Betrachter unwillkürlich verblüffende Ähnlichkeiten zwischen dem Mosaik der Alexanderschlacht aus Pompeji und der Berner Bilderchronik von Schilling.

Schillings Bild hat die gleiche inhaltliche Anordnung des Schlachtengeschehens: auf der einen Seite die Berner, auf der anderen Seite die Feinde.

Der berittene Anführer des feindlichen Heeres im Jammertal (links im Bild), trägt einen Turban und einen kunstvoll aus Tüchern gewickelten Gesichtsschutz, der nur Augen und Nase frei läßt. – Die Ähnlichkeit mit der exotisch anmutenden Kopf- und Gesichtsbedeckung des Perserkönigs in dem pompejanischen Mosaik scheinen mehr als nur zufällig.

 

Vergleich zwischen den Porträts des Perserkönigs im Alexandermosaik (links) und dem Anführer der Feinde Berns in Schillings Jammertal-Bild (rechts)


In Schillings Jammertal-Bild ersticht der Berner Anführer Ulrich von Erlach mit einer Turnierlanze einen feindlichen Ritter in voller Rüstung. Der Getroffene neigt sich auf seinem bereits zusammengebrochenem Pferd nach rückwärts.

Auf dem Alexandermosaik findet sich links unterhalb des Streitwagens des Perserkönigs eine ähnliche Szene mit einem zusammengebrochenen Pferd und einem darauf sitzenden getroffenen Reiter.

Der Bildvergleich spricht deutlich für unmittelbare Entlehnung und nicht für zufällige Ähnlichkeit.

Zudem findet sich vor dem zusammengebrochenen Pferd des Alexandermosaiks eine Lanze. – Im Schilling-Bild ist dem ähnlichen Pferd die zerbrochene Stange der Freiburger Fahne vorgelegt.

Auf dem Mosaik aus Pompeji ist unterhalb des Streitwagens des Perserkönigs mit seinem betont großen Rad ein Rundschild abgebildet, der einem getöteten Krieger gehörte.

Schilling hat unterhalb des berittenen Anführers Ulrich von Erlach ebenfalls einen sehr antik, damit unmittelalterlich aussehenden Rundschild abgebildet, der neben zwei getöteten Feinden liegt.

Das Detail des Rundschilds ist derart auffällig, daß man geneigt ist, eine symbolische Bedeutung darin zu suchen.

Sowohl beim Alexander-Mosaik wie bei Schillings Jammertal-Bild werden die Hintergrund-Konturen der beiden Heere durch die aufgerichteten Speere akzentuiert.

Nun stellt das pompejanische Mosaik die Schlacht bei ISSUS dar – bekanntlich eine JESUS-Schlacht. Und überall wo der christliche Heiland dabei ist, darf auch das Attribut des Speers nicht fehlen.

Die Jammertal-Geschichte schildert ein christlich-trojanisches Ereignis der fiktiven Vorgeschichte Berns.

Aber auch das Alexander-Mosaik aus Pompeji ist mitnichten heidnisch, sondern altchristlich. - Die Stadt war der religiöse Mittelpunkt des ursprünglichen Christentums und strahlte in künstlerischer Hinsicht auf ganz Europa aus.

Der Ort Pompeji, der seit zweieinhalb Jahrhunderten ausgegraben wird, muß im frühen 18. Jahrhundert noch bestanden haben. Der katastrophale plinianische Ausbruch des Vesuvs steht folglich am Ende der Vorgeschichte und markiert den langsamen Beginn der neuzeitlichen Geschichte.

Wir stellen einen starken innerlichen und zeitlichen Zusammenhang zwischen Vesuv, Geschichtserfindung und Ausbildung der neuen Hochreligionen fest. - Und Bern und die eben entstandene Schwyzer Eidgenossenschaft standen noch ganz im Banne der religiös-kulturellen Prägung aus Pompeji.

Die Ritterrüstungen auf dem Schilling-Bild

Herrn Hans Waldispuhl aus Kanada ist bei der Betrachtung von Schillings Jammertal-Bild eine weitere Merkwürdigkeit aufgefallen.

Die Ritter auf dem Schlachtbild tragen alle Vollrüstungen, von denen wir einzelne Stücke noch heute in den historischen Museen bewundern können.

Solche Rüstungen aber können erst im Zeitalter der Renaissance geschaffen worden sein. Für einen richtigen Kampf sind sie nicht zu gebrauchen.

Schilling aber bildet diese kunstvollen Schutzpanzer getreu ab. Der Künstler gibt wieder, was zu seiner Zeit geschaffen wurde.

Immer mehr Einzelheiten verweisen die Schilling-Chronik - wie alle frühen Geschichtswerke - in die späte Renaissance vor weniger als ca. 250 Jahren.