Risse in Burgtürmen: ein Hinweis auf ein gewaltiges Erdbeben nach der Burgenzeit?

Vertikale Mauerrisse in Türmen (französisch: des lézardes) sind besonders in der Westschweiz und in Frankreich häufig und auffällig. Sie könnten auf ein erdgeschichtliches Ereignis im späten 18. oder frühen 19. Jahrhundert hindeuten.


Startseite: www.dillum.ch


Freiburg - Fribourg: La Tour Henri ou Tour Thierry

Foto: Autor

Der reparierte Mauerriß zieht sich vom Söller des Turms vertikal nach unten.


Freiburg - Fribourg: La Tour Henri ou Tour Thierry

Foto: Autor, 7.1.2014

Der reparierte Mauerriß ist auch im unteren Teil rechts deutlich zu erkennen.


Yverdon VD: Mauerriss in einem Turm des Stadtschlosses

Foto: Autor, 14.7.2015


Moudon (deutsch: Milden) Vaud - Waadt: Donjon (Tour de la Reine Berthe ou Tour de Broye)

Lithographie von Johann Friedrich Wagner, um 1840

Der vertikale Mauerriß im Tuff-Mauerwerk des Turms ist vom Künstler, auch als pittoreskes Moment, deutlich dargestellt.

Der Riß wurde im 20. Jahrhundert repariert, ist aber im Mauerwerk immer noch deutlich zu erkennen.


Moudon - Milden, VD: Tour de la Reine Berthe ou Tour de Broye

Foto von 1933, aus: Die Burgen & Schlösser des Kantons Waadt, II, Basel 1936, 35


Moudon - Milden, VD: Die Tour de la reine Berthe oder Tour de Broye von Westen

Foto: Autor, 3.12.2013

Das Mauerwerk des Donjons ist heute perfekt restauriert.

Man beachte an der Front des Wohnhauses links den deutlich sichtbaren Mauerriß. - Fissuren kommen in alten und neuen Zeiten vor.


Châlus (Haute-Vienne, Limousin), Frankreich: Château de Maulmont

Foto aus: Jean Mesqui: Château et enceintes de la France médiévale, 2. La résidence et les éléments d'architecture; Paris 1993, 205

(Man beachte die falsche Schreibung des Burgnamens in jenem Werk.)

Der vertikale Mauerriß im Turm erstreckt sich auf zwei Stockwerke. - Die Außenseite des Turms ist 1994 eingestürzt. Vergleiche das untere Bild.


Châlus (Haute-Vienne, Limousin), Château Maulmont: heutiger Zustand

Foto: Internet

Die Aussenseite des Turms ist wegen fehlenden Unterhalts 1994 eingestürzt.


Coucy (Aisne): der Donjon (la tour maîtresse)

Foto aus: Christian Corvisier: Coucy-le-château, images et mémoire, Soissons 1999, 44

 Der vertikale Mauerriß in dem monumentalen Hauptturm von Coucy-le-Château ist auf diesem ältesten Foto des Objekts deutlich zu erkennen. - Ein zweiter, kleinerer Riß findet sich linkerhand.

Der Riß wurde um 1860 repariert, blieb aber bis zur Sprengung des Turms durch die Deutschen 1917 immer sichtbar.


Beobachtungen und mögliche Schlußfolgerungen

Die vertikalen Mauerrisse in Burgtürmen kommen häufig vor und sind auffällig.

Diese Beschädigungen sind aber nicht unbedingt dem Zahn der Zeit, also der natürlichen Alterung zuzuschieben. Sie kommen zu häufig vor, als dass man diese Merkmale übergehen könnte.

Auf alten Bildern (vgl. Moudon - Milden) werden diese Risse von den Künstlern häufig als pittoreske Eigenheit geschätzt und betont.

Bei erhaltenen Türmen oder Turmruinen wurden diese Risse spätestens im 20. Jahrhundert repariert. Aber sie bleiben oder blieben sichtbar. - Und seit langem macht sich der Autor Gedanken über diese Risse oder Spalten in den Burgmauern.

Sicher war es in frühen Zeiten nicht einfach, einen Turm zu bauen, ohne dass mit der Zeit Spannungen das Mauerwerk zerrissen. - Doch das häufige Vorkommen dieser alten Schäden lässt nach anderen Ursachen fragen.

Könnte nicht vielleicht ein bedeutendes Erdbeben diese Schäden verursacht haben?

Doch weshalb blieben dabei die gotischen Kathedralen, die doch noch vielmehr Steine und Mauerwerk aufgetürmt und verbunden hatten, von einem solchen Ereignis verschont?

Ein chronologisches Element lässt sich auf alle Fälle festlegen: Ein mögliches Erdbeben muss in der Nach-Burgenzeit, aber vor dem Ende des ersten Drittel des 19. Jahrhunderts, stattgefunden haben. Eine Zeitspanne von weniger als 80 Jahren ist zu rechnen.

Die Mauerrisse in Burgtürmen sind in Westeuropa, der Westschweiz und in Frankreich, besonders häufig anzutreffen. Ein solches Erdbeben liesse sich also geographisch eingrenzen.


27.12.2013