Karl der Kühne: eine pseudohistorische Schießbudenfigur

Karl von Burgund (Charles le Téméraire, Charles the Bold) ist ebenso unhistorisch wie seine Pendants Alexander der Grosse und Julius Caesar


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Karl der Kühne ein Unschuldslamm?

Ein kurioser Beitrag zu einer absurden Diskussion

Einen Höhepunkt in der erfundenen Schlachten-Geschichte der Alten Eidgenossen stellen bekanntlich die Burgunder Kriege dar, personifiziert in der Gestalt von Karl dem Kühnen. - Dieses Thema habe ich ausführlich in Die alten Eidgenossen. Die Entstehung der Schwyzer Eidgenossenschaft im Lichte der Geschichtskritik und die Rolle Berns (2013) analysiert.

Nun ist darüber neulich ein kurioser Beitrag des jungen Welschschweizer Historikers Alain Chardonnens erschienen, in seinem Buch Fribourg. Pays assiégé (du XV. au XIX. siècle), Bière 2009.

Allen Ernstes behauptet jener Geschichtsforscher, nicht Karl der Kühne, sondern die Eidgenossen seien die Angreifer von Murten gewesen: Jene Stadt sei burgundischer Besitz gewesen und widerrechtlich von den Bernern okkupiert worden. - Und der Verteidiger von Murten, Adrian von Bubenberg, habe einen zweifelhaften Charakter besessen. - Die Greueltaten der Eidgenossen nach der Schlacht seien unentschuldbar. - Und wenn schon, so sei für den Feldzug gegen die Schwyzer nicht der Burgunder Herzog, sondern der König von Frankreich, Ludwig XI. zu belangen.

Die Thesen von Chardonnens sind nicht neu. Schon 1840 hatte der Welschschweizer Frédéric de Gingins-La Sarraz seine Lettres sur la guerre des Suisses contre le duc Charles-le-Hardi publiziert. Darin behauptete der Autor: Nicht Karl der Kühne, sondern die Eidgenossen hätten den Krieg begonnen. Der Burgunderfürst habe nur seine Rechte zu wahren versucht.

Und die angeblich barbarische Kriegsführung der alten Eidgenossen war im 20. Jahrhundert Thema von zwei Dissertationen:

Walter Schaufelberger: Der Alte Schweizer und sein Krieg (Zürich 1952, ND 1987) und Gerrit Himmelsbach: Renaissance des Krieges. Kriegsmonographien und das Bild des Krieges in der spätmittelalterlichen Chronistik am Beispiel der Burgunderkriege (Zürich 1997)

Beide Werke über die Kriegsführung der Alten Eidgenossen erledigen sich dadurch, dass sie naiv den angeblichen Quellen vertrauen. - Und dies macht neuerdings auch Alain Chardonnens.

Aber vor 300 Jahren gab es noch keine Geschichtserzählungen, weder über die alten Griechen und Römer, noch über das Mittelalter.

Die alte Geschichte ist erfundene Geschichte, Sinngeschichte, mit nur wenigen wahren Umrissen. Die Burgunderkriege zum Beispiel scheinen einen Konflikt zwischen Frankreich und den Eidgenossen zu widerspiegeln, bei dem der legendäre Karl der Kühne die Rolle einer verkleideten Gallionsfigur spielt. Man nennt Karl und meint Ludwig.

PS: Das Buch von Chardonnens behandelt die Eroberungen von Freiburg 1798, 1802 und 1847. - Die Ausführungen über den Burgunderkrieg nehmen nur 18 Seiten ein. Dort bringt er Auszüge von Veit Weber, Diebold Schilling und Panigerola. - Quellenkritik kommt nicht vor - Zweifel an der Chronologie gibt es keine.

Soll das die Geschichtswissenschaft von heute sein?



Vergleiche auch den Web-Artikel:

Alexander der Grosse besuchte Aarberg = Aspendus, Gordion = Bern und Nancy = Ancyra oder Neuss


In Bern fand 2008 ein historischer Kongreß über Karl den Kühnen und Burgund statt.

Die Titel der meisten Vorträge sprechen für sich selbst:

Heldensieg und Sündenfall. Der Sieg der Eidgenossen über Karl den Kühnen in der kommunal-republikanischen Erinnerungskultur.

Trieb man in der Vorzeit "Erinnerungskultur"?

Herbst der Kathedrale. Zur Baukunst im Herrschaftsbereich Karls des Kühnen.

Jan Huizingas berühmtes Werk "Herbst des Mittelalters" feiert seine Wiederauferstehung. Diesmal nicht in der Kultur, sondern in der Baukunst. - Aber damals gab es noch keine Architektur!

Das Werden eines neuen Alexander? Zur Jugend und Ausbildung Karls des Kühnen.

Wenigstens einer, der etwas Richtiges erkennt: Karl ist ein exaktes Alter ego von Alexander dem Grossen.


Eine Ausstellung über eine altbekannte Figur

Das Historische Museum Bern zeigte 2008 eine Ausstellung über Karl den Kühnen von Burgund.

Nun ist diese Institution besonders berechtigt, für die angebliche Geschichtsfigur aus dem "Spätmittelalter" die Werbetrommel zu rühren: Das Museum beherbergt nämlich die sogenannten Burgunderteppiche. Und diese sollen Teile der "Burgunderbeute" darstellen. Diese Beutestücke habe man jenem Herzog bei den angeblichen Schlachten bei Grandson und Murten abgenommen.

Aber was ist von Karl dem Kühnen, dem spätmittelalterlichen Herzogtum Burgund und der "Burgunderbeute" zu halten?

Das Wichtigste in Kürze und zuvorderst:

Vor etwa 300 Jahren wußte noch niemand etwas von einem Herzog Karl dem Kühnen.

Die sogenannte "Burgunderbeute" wurde nach der Mitte des 18. Jahrhunderts geschaffen, beziehungsweise zusammengekauft und zusammengestellt. Die Berner und Eidgenossen haben also nichts erbeutet. Sie haben alles mit gutem Geld bezahlt.

Karl der Kühne und die Burgunder stellen eine monumentale Geschichtsdichtung oder Geschichtsfälschung der Renaissance und des Barocks dar.

Die Erfindung der älteren Geschichte im 18. Jahrhundert

Seit 2000 habe ich die allgemeine, die Schweizer und die Berner Geschichte unter dem Aspekt der Geschichts- und Chronologiekritik untersucht.

Es ergab sich unter anderem: Unsere heutige Jahrzählung wurde erst im 18. Jahrhundert (ca. 1740) um geschaffen.

Die ältesten Chroniken sind vielleicht in die Zeit zwischen 1750 und 1760 entstanden.

Vorher war ein Karl der Kühne also unbekannt. - Auch die ihm zugeschriebenen Daten "Geburt 1433", "Schlacht bei Murten 1476" existierten noch nicht.

Die ganze Burgunder-Geschichte fällt aus Abschied und Traktanden.

Die Parallelitäten der Geschichte

In meinem Werk Die Matrix der alten Geschichte. Eine Einführung in die Geschichts- und Chronologiekritik (2013) weise ich nach, daß die ältere Geschichte vor dem 18. Jahrhundert auf wenigen Blaupausen aufgebaut ist. Diese kommen in allen erfundenen Geschichtsepochen ("Altertum", "Mittelalter", "frühe Neuzeit" vor.

Und die Chronologie der Epochen und Ereignissen ist eine Konstruktion und kabbalistische Zahlenspielerei.

Karl der Kühne stellt eine exakte Parallelgestalt zu Alexander dem Grossen dar.

Beispielsweise macht Alexander der Grosse auf seinem Feldzug gegen die Perser in den Schlachten bei Granicus (= Grandson) und Issus oder Tyrus (= Murten) märchenhafte Perserbeute. - Diese entspricht der Burgunderbeute der Eidgenossen.

Und schon die Burgunder der Völkerwanderungszeit hatten bekanntlich märchenhafte Schätze, den sogenannten Hort der Nibelungen.

Die Burgunderbeute ist eine Variante des Nibelungenschatzes.

Wo lag das Herzogtum Burgund?

Die Geschichtswissenschaft der älteren Zeit ist in krimineller Weise unkritisch. Sie übernimmt unreflektiert die größten Anachronismen und Absurditäten.

Bei der Geschichte Karls des Kühnen ist es das geographische Aussehen des sagenhaften burgundischen Herzogtums (siehe Abbildung): Wer glaubt an einen solchen territorialen Flickenteppich?

Quelle: Weltwoche, 15, 10.4.2008, S. 42


Über die Berner Geschichte vergleiche auch das Buch Die Ursprünge Berns. Eine historische Heimatkunde Berns und des Bernbiets. Mit besonderer Berücksichtigung der Burgen und mit einem autobiographischen Anhang (2013)