Die Geschichte der Schweiz

hg. von Georg Kreis (Basel 2014)

Das Geschichtswerk ist inakzeptabel!


Kritik am ersten Teil, also der angeblichen Geschichte vor 1798

Der Autor dieser Rezension beschränkt sich hier aus einsichtigen Gründen auf die Darstellung der älteren Schweizer Geschichte und der Vorgeschichte, wie sie in jenem Buch dargestellt wird.

Seit Jahren vertritt der Autor in seinen Büchern und Artikeln die Geschichts- und Chronologiekritik. Diese besagt in aller Kürze, daß unsere Kenntnis der Geschichte erst seit 200 Jahren zuverlässig ist. Und vor der Französischen Revolution, also 1789, verliert sich unser Wissen von geschichtlichen Inhalten und Zeitstellungen rasch im Dunkel der Vorgeschichte. Etwa 300 Jahre vor heute ist es kaum noch möglich, auch nur annähernd kulturelle oder gar politische Entwicklungen zu bestimmen. Und der Anfang unserer heutigen Kultur ist etwa vor 400 Jahren vor heute zu suchen.

Diese Erkenntnisse hat der Autor in Die Matrix der alten Geschichte. Eine Einführung in die Geschichts- und Chronologiekritik niedergelegt.

Besonders hat sich der Schreiber auch der älteren Schweizergeschichte gewidmet. Allen voran ist das Buch Die alten Eidgenossen. Die Entstehung der Schwyzer Eidgenossenschaft im Lichte der Geschichtskritik und die Rolle Berns zu nennen.

Aber auch Die Ursprünge Berns enthalten wichtige Dinge zur Beurteilung der fingierten älteren Geschichte vor 1800.

Endlich sei auch noch auf zwei wichtige wissenschaftliche Spezialuntersuchungen hingewiesen:

Beiträge zur Freiburger Historiographie (2008)

und vor allem:

Die Entstehung der Jahrzahl 1291 (2012)

In den drei letztgenannten Büchern wird erklärt, daß die schriftliche Darstellung geschichtlicher Inhalte etwa um 1740 - 1750 einsetzt. Und um diese Zeit wird auch die heute gängige Anno Domini-Datierung eingeführt.

Trotz der einsetzenden Schriftüberlieferung beginnt die inhaltlich und zeitlich zuverlässige Historie erst etwa zwischen 1780 und 1800.

Wer also eine plausible Geschichte vor 1798 behauptet, folgt einem historischen Wunschdenken, beziehungsweise einem Mythos.

Braucht es eine neue Schweizergeschichte?

Die neue Geschichte der Schweiz soll das vor vierzig Jahren erschienene Handbuch der Schweizer Geschichte (hg. von Hanno Helbling, 2 Bde., Zürich 1972 - 1977) ersetzen. - Wie die alte, so stellt auch die neue Geschichte ein Sammelwerk verschiedener Autoren dar. Aber am neuen Werk haben beträchtlich mehr Autoren mitgearbeitet, als am alten. Das Thema ist offenbar komplex geworden.

Die Vielzahl der "Fachleute" soll die Qualität der einzelnen behandelten Epochen garantieren. - Aber ergibt sich daraus ein einheitliches Bild?

Als erstes Kuriosum sei erwähnt: Die Zeit der Reformation wird von einem amerikanischen Historiker dargestellt! - Was weiß der über Schweizer Sozial- und Wirtschaftsgeschichte? - Es gibt hier also nicht nur Teamarbeit, sondern auch Internationalisierung.

Ein gewichtiger Band von fast 650 Seiten ist das Ergebnis. Als Herausgeber und treibende, auch redaktionelle Kraft fungiert der bekannte Historiker Georg Kreis. - Dieser Name garantiert für eine bestimmte Tendenz, die in der Zeitgeschichte zum Tragen kommt: Kritik an der Neutralitätspolitik der Schweiz, besondere Berücksichtigung der Rolle der Frauen, usw. - Schon vom Herausgeber her ist also grösste Vorsicht gegenüber dem Buch geboten.

Braucht es eine neue Schweizergeschichte? Wenn es um neue Literatur zum Thema geht sicher. Aber sind auch neue Erkenntnisse dazugekommen?

Die neue Geschichte der Schweiz von 2014, ein zweigeteiltes Werk

Die Darstellung der Schweizer Geschichte im 19. und 20. Jahrhundert folgt der historischen und politischen Optik des Herausgebers. Im Allgemeinen ist dieser Teil recht informativ und facettenreich, auch wenn die linkslastige Tendenz durchscheint.

Hätte man es bei einer Schweizergeschichte ab 1798 bewenden lassen!

Die Darstellung der älteren Geschichte der Schweiz: Die Forscher winden sich mit wissenschaftlichem Kauderwelsch, absurden Begriffen und stilistischen Blüten

Der Kritiker muß eingreifen, wenn es um die Darstellung der Schweizer Geschichte vor 1798 geht. Da wird von der Urgeschichte bis zum Ende des 18. Jahrhunderts ein historisches Bild geboten, das hinten und vorne nicht stimmt. - Und dieser Teil nimmt immerhin die Hälfte des Werks ein.

Natürlich sind alle Geschichtswerke, die eine Vergangenheit vor der historischen Zeitschwelle, also vor der Französischen Revolution beschreiben falsch.

Doch in der neuen Geschichte der Schweiz wird noch immer so getan, als wüßten wir auch über weit entfernte Epochen Bescheid. Und vor allem wird der Zeitrahmen als fix angesehen.

Darüber hinaus gibt es bereits am Anfang grau unterlegte übergreifende Betrachtungen, die einen aktuellen Bezug schaffen wollen.

Das Ergebnis ist grotesk:

Die nebulöse "Urgeschichte" wird scheinbar aufgehellt durch einen Beitrag über Umwelt- und Klimageschichte aus der Feder von Christian Pfister. - Dessen Forschungen, zum Beispiel über die "kleine Eiszeit" wirken seriös, hangen aber vollkommen in der Luft: Wenn wir mangels Daten keine Geschichte darstellen können, so gilt das gleiche auch für die Klimageschichte und die Erdgeschichte.

Am Anfang des "Frühmittelalters" wird eine Lobhudelei der "Archivlandschaft Schweiz" eingeschoben. - Gab es in ferner Vergangenheit schon Archive und Archivare?

Noch weit im "Mittelalter" ist eine Betrachtung eingeschoben: "Modalitäten und Perioden der Agrarentwicklung". - Dieser Beitrag behandelt jedoch das 19. und 20. Jahrhundert. Die Epochen werden also durcheinander gewürfelt.

Am Anfang des 18. Jahrhunderts findet sich ein Einschub von Georg Kreis über "Neutralität und Neutralitäten". - Zum erstenmal also wird ein Plural von Neutralität konstruiert!

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts kommt bereits ein zeitgeschichtlicher Beitrag über "Fremde in der Schweiz", samt Foto von einer Paßkontrolle für Fremdarbeiter! - Von der Zeit um 1800 springt man also direkt auf die Zeit nach 1945.

Ist das Werk von G. Kreis ein Geschichtsbuch oder ein Buch über Zeitfragen mit historischen Einsprengseln?

Gemäß den neuen Tendenzen der Geschichtswissenschaft will das Buch vor allem Entwicklungen aufzeigen. - Aber wie solche beschreiben für Zeiten, von denen wir nichts wissen?

Die Darstellung der sagenhaften Vorgeschichte mit ihrer absurd langen Chronologie ist konventionell: Urgeschichte - Kelten - Römer - Alemannen - Frühmittelalter - Hochmittelalter - Spätmittelalter - Reformation - 17. und 18. Jahrhundert.

Modernistisch wird die Darstellung nur durch den pseudowissenschaftlichen Tiefschwatz, der in den Texten vorherrscht, und durch die verqueren und hochgestochenen Begriffe.

Ein paar Beispiele:

Das frühe Mittelalter - nach den beiden Welschschweizer Autoren immerhin 8 Jahrhunderte ("vom 5. bis 13. Jahrhundert") wird überschrieben mit "Entstehung eines sozialen Raumes". - Was soll das heißen? - Brauchte es wirklich viele endlose Jahrhunderte, um nach der "Römerzeit" eine neue Gesellschaft aufzubauen?

Überhaupt stellt jener Teil über das "Früh- und Hochmittelalter" den Gipfel dar an geballtem historischem Kauderwelsch. Mit komplizierten, häufig unverständlichen Satzgebilden versuchen die Autoren, eine abenteuerlich weit zurückliegende Zeit als real zu beschwören und sogar zu behaupten, diese wirke bis heute nach.

Was soll zum Beispiel der folgende Satz meinen:

Die Geschichte verläuft nicht teleologisch, doch sie unterliegt strukturellen Faktoren, ohne deren Berücksichtigung sie nicht adäquat gedeutet werden kann. (S. 81)

Das "16. Jahrhundert" wird charakterisiert durch "Unerwartete Veränderungen und die Herausbildung einer nationalen Identität". - Sind normale Veränderungen etwa voraussehbar?

In der Vorgeschichte ist offenbar alles sehr langsam vorgegangen - über Jahrhunderte und sogar Jahrtausende.

Erst im 18. Jahrhundert gab es einen Konflikt zwischen Tradition und Fortschritt. Also wird jenes Jahrhundert charakterisiert mit den Worten "Beschleunigung und Stillstand". - Ist nicht vielmehr die ganze Geschichte eine einzige Beschleunigung?

Über Einzelheiten der legendären Vorgeschichte sollen nur einige Beispiele herausgegriffen werden:

Gegen "506 n. Ch." hieß es: "Die Alemannen kommen". - Aber nach dem Geschichtsbuch soll dieses Rächervolk schon um "260 AD" in Helvetien eingedrungen und Aventicum zerstört haben. Liegt hier eine historische Duplikation vor? - Nach Schweizer (Suicerus) gab es einen Alemannen-Einfall "406 AD". - Offenbar hat der Autor falsch abgeschrieben.

Nach langen dunklen Jahrhundert kann man erstmals ein Säkulum genau fassen. Es heißt: "Die Dynamik des 13. Jahrhunderts". - Nur weiß niemand, was denn an diesem fernen Zeitabschnitt dynamisch sein soll.

Konjunkturen und Krisen wechseln sich ab. Also wird von einer Krise des Spätmittelalters gesprochen unter einem Titel "Demographische Katastrophe und langfristige Bevölkerungsentwicklung" - Was haben die beiden Begriffe miteinander zu tun?

Und was soll ein solcher Titel: "Politik und Wahrnehmung der Politik im 16. Jahrhundert"?

Noch merkwürdiger wirkt ein Titel, mit dem der "Dreißigjährige Krieg" beschrieben wird: "Die Schweiz - Pulverfaß und Festung". - Man halte sich nie in der Nähe eines Pulverfasses auf, noch wohne man sogar drin!

Das Ancien Régime des 18. Jahrhunderts wird lapidar beschrieben: "Regierte und Regierende". - Ist eine Kluft zwischen Regenten und Regierten nicht eher ein Gemeinplatz?

Besonders interessiert den Rezensenten natürlich, wie in dem besprochenen Buch die Gründung der Eidgenossenschaft beschrieben wird.

Hier verzichten die beiden Welschschweizer Autoren auf plakative Umschreibungen und hochgestochene Titel. Statt dessen suchen sie fast minutiös die Ereignisse in jenen angeblich wichtigen Jahren "zwischen dem Ende des 13. und dem Anfang des 14. Jahrhunderts" zu beschreiben. - Damit liefern sie sich aber einer legendären Geschichte und falschen Chronologie aus. Und diese ergibt niemals ein stimmiges Bild.

In ihrer Schlußbetrachtung über den Stand der Forschung kommt vor allem ein Forscher zu fast himmlischen Ehren: Roger Sablonier mit seinem unqualifizierbaren ärgerlichen Machwerk Gründungszeit ohne Eidgenossen (2008).

Fazit der Diskussion und der Forschungen über die Gründungsgeschichte des Schwyzer Bundes ist: Der konventionelle Ansatz führt nirgendwo hin.

Nur mit einer neuen Betrachtungsweise, auf Grund der Geschichts- und Chronologiekritik, ergeben sich Ansatzpunkte für eine mögliche wahre Entstehung der Eidgenossenschaft.

Auch die Historiographie und die Forschungsgeschichte zu diesem Thema muß neu aufgerollt werden. - Der Autor tat dies in:

Die Entstehung der Jahrzahl 1291 (2012)

Kritik an Hand der Bilder

Im Unterschied zu dem älteren Handbuch der Schweizer Geschichte von Anfang der 1970er Jahre ist die Geschichte der Schweiz von 2014 mit vielen Zitatkästen und eingestreuten Textblöcken durchsetzt und mit vielen qualitativ guten Bildern und Tabellen illustriert. - Doch auch die Kommentierung der Bilder - und vor allem die Tabellen - geben Anlaß zur Kritik.

Bei der "Kelten- und Römerzeit" fällt auf:  Sowohl die goldenen Ringe von Erstfeld wie die Büste des Marc Aurel von Avenches finden sich als originale Schöpfungen kommentiert. Dabei hat der Autor dieser Rezension seit langem nachgewiesen, daß jene kunstgewerblichen Objekte Fälschungen aus der Zeit kurz vor ihrer Auffindung sind. Nur das Gold ist echt.

Tabellen, welche eine angebliche Vorgeschichte im Detail beweisen wollen, sind ein besonderes Ärgernis.

Für das "Frühmittelalter" gibt es in dem Werk eine Tabelle "Die Produktion schriftlicher Dokumente in St. Gallen 701 bis 1400 und in der Westschweiz 701 bis 1300". - Was soll eine solche Grafik? Wie will man beweisen, daß man schon in einem imaginären Jahr "701 AD" geschrieben hat und diese Schriftstücke erhalten sind? Und weshalb kulminieren die Schriften in der Westschweiz "um 1300", in St. Gallen aber erst "um 1400"?

Das Ganze ist historische Irreführung unter dem Mäntelchen pseudoexakter grafischer Darstellung.

Die 10'000 (!) erhaltenen Briefe des Zürcher Reformators Heinrich Bullinger geben Anlaß, das Korrespondentennetz in Europa auch grafisch darzustellen. - Aber die richtige Frage wäre: Welche Schreibstube hat diese riesige Korrespondenz zusammengestellt?

Die bekannte Stadtansicht Berns von Matthäus Merian "1642" wird hier, wie schon bisher, in einen unmöglichen historischen Kontext hineingestellt: Wie soll es zur Zeit des "Dreißigjährigen Krieges", als angeblich ein Drittel Deutschlands zerstört wurde, überall wohlhabende intakte Städte - auch schon mit Vauban-Schanzen befestigt - gegeben haben? - Die Stadtansicht Berns gehört in die Zeit zwischen 1765 und 1770.

In Bern wird die Geschichte erst mit dem Umsturz von 1798 plausibel. Trotzdem gibt es in dem Werk eine Grafik "Entwicklung der bernischen Staatsfinanzen 1700 - 1796". - Wie soll man Budget-Überschüsse und -Defizite interpretieren, die man auf Grund von gefälschten Dokumenten zusammengestellt hat? - Und "um 1700" ist man analytisch tief in der "Römerzeit". - Auch gab es diese Jahrzählung noch nicht.

Hier wie dort muß man das Gleiche festhalten: Erfundene Geschichte wird auch durch Bilder, Objekte, Tabellen und Grafiken nicht plausibel.

Begriffe, Prozesse und Komplexe

Das verquere Unterfangen dieser Geschichte der Schweiz aus Zeiten, die wir nicht kennen, wird deutlich an stilistischen Blüten und einer komplizierten Sprache, dessen sich die meisten Autoren bedienen. Damit wollen sie sprachlich fassen, was sich nicht fassen läßt.

Ein paar Beispiele genügen.

Wilhelm Tell hat es nach den Autoren nicht gegeben. Dennoch:

Obwohl es diesen Tell nie gegeben hat, spielte er als Figur durchaus eine historische Rolle und war gegen Ende des 15. Jahrhunderts bereits Teil eines ganzen Komplexes von Vorstellungen, denen eine wichtige integrative Funktion für die Entstehung eines eidgenössischen Eigenbewußtseins und dessen Legitimierung zukam. (S. 138)

Im "Spätmittelalter" wird folgende Entwicklung beschrieben:

Der Prozeß der Territorialisierung und die mit ihm verbundene Herrschaftsintensivierung zogen auch im Bereich der Eidgenossenschaft innerstädtischen, innerterritorialen und interterritorialen, vor allem bäuerlichen Widerstand nach sich, der bis zum offenen Aufstand eskalieren konnte. (S. 163)

Eine Bemerkung: Kann es innerstädtischen, aber bäuerlichen Widerstand geben?

Und über die Schweiz und das Reich wird "zu Beginn des 16. Jahrhunderts" Folgendes gesagt:

Die Beziehung zwischen den Eidgenossen und dem Reich im 16. Jahrhundert war so komplex, wie es das Reich selber war. (204)

Man fragt sich, wie man es wagen kann, vor so viel Komplexität und Territorialität das Thema überhaupt anzugehen!

Abschließende Bemerkungen

Das neue Geschichtswerk über die Schweiz ist für die älteren Zeiten so disparat, dass man es kaum zusammenfassend besprechen kann. Doch eines ist klar: Alle wissenschaftlichen Aufhellungsversuche und der hochgestochene begrifflichen Wust können nicht eine Vergangenheit fassen, die es nicht gegeben hat.

Das Einzige, was bei der diskutablen alten Geschichte der Schweiz weiterhelfen kann, ist eine erweiterte Diskussion der Elemente einer möglichen wahren Entstehung der Schwyzer Eidgenossenschaft, dem zweitletzten Kapitel in dem Buch des Autors Die alten Eidgenossen.

Die Zeit der professoralen Geschichtsdarstellungen ist vorbei. Die universitäre Historie mit ihrem Dogmatismus und ihrer Orthodoxie hat ausgedient.

Für die ältere Zeit ist diese neue Geschichte der Schweiz von Georg Kreis wertlos und inakzeptabel.