Christoph Däppen: Nostradamus und das Rätsel der Weltgeschichte (2004)

Ein erstaunliches Buch zur Geschichts- und Chronologiekritik

Zusammenfassung der wichtigsten Gedanken


Eine numerologische Bemerkung zum Voraus:

Nostradamus soll 1566 AD gestorben sein.

Die 66 bedeutet 2 x 33 (Lebensalter Jesu Christi).

Ebenfalls interessant ist:

In Paris gibt es eine Metro-Station mit dem gleichen Namen wie Nostradamus:

Saint-Michel - Notredame


Giambattista Piranesi: L'arco di Costantino a Roma

Entstanden wohl nach der Mitte des 18. Jahrhunderts

aus: Vedute di Roma


Es gibt in der ganzen europäischen Kunstgeschichte wohl kaum ein weiteres einzelnes Werk, das die architektonische und und kunsthistorische Ideengeschichte eines ganzen Jahrhunderts dermaßen beeinflußte wie Piranesis Kupferstiche aus dem Rom des 18. Jahrhunderts. (S. 328)

Erst mit Piranesi ... setzte die eigentliche ... bewußtseinserweiternde Renaissance ein. ... Der Piranesi-Kult führte letztlich zur Wiederentdeckung der Antike schlechthin, oder auch nur dessen, was in Form von Ruinen und Trümmern noch davon übrig war. (S. 327)

Christoph Däppen: Nostradamus und das Rätsel der Weltzeitalter; Norderstedt 2004


Einleitung: Nostradamus, der Prophet

Der französische Arzt und Schriftsteller Nostradamus (Michel de Notredame) mit den angeblichen Lebensdaten "1503 bis 1566" und der Provence als angeblicher Heimat, findet auch heute noch eine ungeheure Resonanz in der ganzen Welt. Dies durch seine berühmten Prophezeiungen, deren rätselhafter Inhalt zu allen möglichen Interpretationen einlädt.

Nostradamus' Werk besteht aus vierzeiligen Strophen, den sogenannten Quatrains, die er zu Hundertschaften, sogenannten Centuries (Zenturien) zusammengefaßt hat. Die Wikipedia schreibt darüber:

Typische Merkmale seiner Prophezeiungen sind das fast vollständige Fehlen von konkreten Zeitangaben und Namen und eine sehr metaphorische Sprache, die die Prophezeiungen bis in unsere Zeit rätselhaft hält und auch dann noch immer neue Deutungen zuläßt, wenn sie längst eingetroffen sein sollen. In viele Verse sind Hinweise auf astrologische Konstellationen eingebaut.

Die Prophezeiungen sind ein typisches Gewächs der Renaissance. Aber wann war diese? - Forscher haben herausgefunden, daß die Vorhersagen des Nostradamus innerlich verwandt sind mit den sogenannten Sybillinischen Weissagungen. - Aber diese werden einer "Antike" zugeordnet.

Die Biographie von Nostradamus ist selbst ein Rätsel und kann nicht stimmen. Der Prophet ist in die gleiche Epoche wie die Sybillinischen Weissagungen zu setzen. - Und das 16. Jahrhundert ist zeitlich unmöglich: Nostradamus ist in viel spätere Zeit zu verschieben. - Also ist auch des Propheten Zusammenkunft mit dem französischen König Heinrich II. und Katharina von Medici "1556" als Erfindung anzusehen.

Nostradamus und die Rätsel der älteren Geschichte

Genau diesen Aspekt - die verqueren Inhalte und die unmöglichen Zeitstellungen greift Christoph Däppen in seinem hoch interessanten Buch Nostradamus und das Rätsel der Weltzeitalter heraus. Sein Werk hat den Propheten und dessen Weissagungen als Gerüst. Aber nicht um Biographie und Prophezeiung geht es dem Autor, sondern in erster Linie um die Kritik an der herkömmlichen Chronologie der Geschichte (S. 7).

Däppen erkennt, daß Nostradamus einen Schlüsseltext der großen Geschichtserfindung und Geschichtsfälschung der Renaissance und des Barocks darstellt. Mehr noch: Unsere moderne Zivilisation gründet noch heute auf einem historischen Weltbild, das so rätselhaft und so absurd sind wie die Verse des Sehers aus der Provence.

Däppen bietet in seinem Buch eine thematisch geordnete Betrachtung und Diskussion einiger wichtiger Strophen von Nostradamus. In der Analyse erweist er die Fragwürdigkeit der Prophezeiungen, die chronologischen Verwerfungen, die darin vorkommen, und die Beliebigkeit der Orte, Personen und Inhalte. Der Autor verwürfelt die Weissagungen des angeblichen Sehers und stellt sie letztlich als vaticinia ex eventu bloß. Aber indem Däppen die Texte zergliedert, gibt er eine Fülle interessanter Einblicke in eine Zeit zwischen Vorgeschichte und Geschichte, in eine Epoche, als das heutige Kalenderwesen, die Zeitrechnung und die geschriebene Geschichte eben erst entstanden.

Das Werk von Nostradamus ist deshalb als ein Quellentext vom gleichen Wert und Gehalt wie etwa die Bibel anzusehen.

Epochen, Ären, Synochen

Bevor man sich in Nostradamus vertieft, sind nach Däppen unbedingt einige Begriffe zu erläutern, ohne die das Werk des Sehers nicht richtig zu fassen ist.

Eine Epoche bezeichnet  den Beginn eines neuen Zeitalters, welche immer begleitet ist von einer neuen Zeitrechnung. - Unser gegenwärtiges Paradigma etwa beruht auf einer Epoche, die sich vom (fiktiven) Datum einer Geburt Christi herleitet (vom Autor mit CHR gekennzeichnet).

Eine Ära hingegen bezeichnet das Zeitalter selbst, das durch diese Zeitrechnung bestimmt ist.

Eine Synoche schließlich bezeichnet die jahrzahlige Entsprechung zweier oder mehrer Epochen. Als Beispiel sei hier angeführt: Die Jahrzahl 1389 nach CHR (oder Anno Domini) unserer heute geläufigen Zeitrechnung entspricht in der Zeitrechnung nach Julius Caesar die Jahrzahl 1434.

Wenn wir zwischen 1389 und 1434 eine Differenz von 45 Jahren feststellen, so ist das selbst wieder ein interessantes Faktum: Dieses Intervall findet sich überaus häufig in der historischen Numerologie, die der Rezensent (CP) in seinem Werk Die Matrix der alten Geschichte erstmals dargestellt hat.

Einzelne Dinge aus dem Nostradamus-Buch von Däppen

Nostradamus deckt mit seinen Zenturien ein Gebiet ab, das konzentrisch um die Provence, seiner Heimat gelegt ist. Also wird je weniger und je weniger glaubwürdig über Dinge und Orte berichtet, desto weiter diese entfernt sind.

Wenn das Vorwort ins Jahr "1555" datiert ist, so erstrecken sich Nostradamus' Prophezeiungen bis etwa zum Jahr 1732 - wie Däppen errechnet hat.

Allerdings weist Nostradamus ausdrücklich darauf hin, daß die christliche Jahrzählung zu seiner Zeit "nach der Verschiedenheit der Sekten" noch immer sehr verschieden war.  Der Seher schreibt also aus der Anfangszeit der AD-Datierung. Und diese Verwirrung erklärt die vielen Anachronismen in seinem Werk.

Ebenfalls am Anfang wird schon klar: Nostradamus interessiert uns Heutige mehr wegen der Vergangenheit, in welcher er lebt, als wegen seiner Prophezeiungen.

Nostradamus erwähnt in seinen Zenturien die Pest. Diese war angeblich eine Seuche des "14. Jahrhunderts AD". - Aber auch das 17. Jahrhundert erwähnt diese Verheerung. - Der Seher ist also wohl in jene jüngere Zeit zu setzen.

Däppen behandelt den Konzilspapst Sigismund von Böhmen und mutmaßt, daß unter ihm ein orientalisches Kaisertum ins Römisch-deutsche Reich eindrang.

Zwischen der Erhebung Ottos des Grossen zum König "936" und "1531" erkennt Däppen eine Synoche: In diesem Zeitraum wurde die achteckige (OCTO = OTTO) Krönungskapelle in Aachen angeblich benutzt. - Nostradamus erwähnt Aachen zwar nicht. Aber die Anspielung auf das Reich "in der Nähe des Ardenner Waldes" ist deutlich.

Däppen behandelt auch Stil-Fragen. Sehr interessant sind hier als erstes seine Ausführungen über den gotischen Baustil (S. 84). Hier erkennt der Autor, daß die Gotik einen arabesken Charakter besitzt - was diese Bauten selbsttätig zeitgleich zur arabischen Kunst stellt. Die filigranen Elemente im gotischen und maurischen Stil zum Beispiel müssen zeitlich auf der gleichen Ebene stehen.

Nostradamus erwähnt eine "gotische Zeitrechnung". Offenbar gab es also am Anfang unterschiedliche Zeitsysteme im Norden und Süden Europas. - Vielleicht wird hier auch auf die katholische und protestantische Kalenderreform angespielt. - Die letztere fand angeblich 1700/1701 statt, die Gregorianische Reform von "1582" ist als ein nachträglich erfundenes Märchen anzusehen.

Aus dem Vergleich der Daten von Nostradamus' Prophezeiungen schließt der Autor, daß diese zwischen dem 16. und 18. Jahrhundert entstanden sein müssen.

Aber Nostradamus hat weniger Prophezeiungen ausgesprochen, als vielmehr mit einem divinatorischen Blick aus zeitgenössischen Ereignissen Schlußfolgerungen gezogen.

Deshalb auch das Zitat:

Wenn Nostradamus für uns Heutigen überhaupt noch eine Botschaft zu überbringen hat, dann betrifft sie nicht unsere Zukunft, sondern unsere Vergangenheit (S. 27).

Eine Prophezeiung für das Jahr 1999 führt nach Däppen zu den Synochen 1675 und 1687. Das beweist für den Autor, daß Nostradamus offenbar selbst noch nicht genau wußte, in welchem Jahr er lebte. Die Chronologie war damals erst im Entstehen. - Und vielleicht geben diese Daten das frühest mögliche Datum von Nostradamus' Werk an.

Nostradamus soll Beziehungen zu dem Gelehrten Scaliger (Cäsar oder Joseph?) gehabt haben. - Damit würde auch erklärbar, weshalb der Prophet so viel auf Jahrzahlen verwendet, die damals eben erst geschaffen wurden.

Anderseits wissen wir nicht, über welche Quellen Nostradamus verfügte. Für Däppen ist er nach Hartmann Schedel und seiner Weltchronik anzusetzen. Und der Schriftsteller aus der Provence steht recht nahe dem Opus chronologicum von Seth Kallwitz, genannt Calvisius, ebenfalls aus dem 17. Jahrhundert.

Aber auch die Chronik des Solothurner Stadtschreibers Franz Haffner von "1666" bietet sich als Zeitmarke an.

Ausführlich diskutiert der Autor die große Pest, die großen Naturkatastrophen, welche die konventionelle Chronologie "in die Mitte des 14. Jahrhunderts" setzt.

Hier überrascht Däppen mit der Feststellung, daß lateinisch pestilentia nicht nur Pest, sondern auch schlecht Luft, also das italienische Wort Malaria bedeutet.

Und alte Quellen sprechen von einer Schlacht am Himmel irgendwo im Osten, etwa in Indien. - Daraus ließe sich ableiten, daß die Katastrophe, die Europa traf, aus dem Osten kam. Vielleicht war es der Aufprall eines Kometen oder Asteroiden.

Der Hinweis von Däppen über die europäische Katastrophe hat größten Wert, weil die Chronologie- und Geschichtskritiker seit langem eine oder mehrere Naturkatastrophen als Erklärung für den Bruch zwischen der Vorgeschichte und dem heutigen Paradigma fordern.

Bei der Analyse des Verhältnisses zwischen England und Frankreich und dem Problem der "Normannen" (in England, in Frankreich und in Süditalien) in der dunklen Vorzeit beklagt der Autor das maßlose Zuviel an Geschichtsschreibung, welche die Gesamtsicht der Zusammenhänge verschleiert (S. 54).

Nostradamus spricht in einem Quatrain vom heiligen Reich, das zusammen mit den Ismaeliten nach Germanien komme. Diese Gemeinschaft könnte nach Däppen die Israeliten meinen. Auch die ersteren hatten zwölf Stämme und leiteten sich aus der Verbindung Abrahams mit der ägyptischen Sklavin Hagar her.

Vielleicht daß mit den Ismaeliten ganz einfach die Türken gemeint sind, welche den Osten des Heiligen Römischen Reiches bedrohten.

Die Sekte der Ismaeliten ist nach Däppen ähnlich zu beurteilen wie die Ketzerbewegungen der Waldenser, Albigenser und Katharer: Diese Häresien waren erst in der Zeit der Gegenreformation möglich. Die alte Kirche nämlich unterschied sich doch sehr von dem neuen katholischen Christentum mit Zentrum in Rom.

Eine andere Sekte scheinen die Zigeuner gewesen zu sein, von denen die spätmittelalterlichen und neuzeitlichen Quellen berichten. - Daß hier vielleicht die - ebenfalls umherirrenden - Juden gemeint sind, bleibt eine Vermutung.

Mit den Juden, den jüdischen Ärzten, kommt man bald auf eine durch mangelnde Hygiene verursachte Krankheit, die Lepra - wie die Pest eine Geißel der Menschheit in vorgeschichtlicher Zeit.

Interessant ist auch der Hinweis, daß aus dem Osten zurückkehrende Kreuzfahrer die Lepra in Europa eingeschleppt haben. - Damit ergäbe sich auch ein chronologischer Hinweis für etwa die Mitte des 17. Jahrhunderts. (CP)

Im Spätmittelalter wird auch König Sigismund angesiedelt. Es ist der Herrscher der Reformkonzilien, aber auch des Vordringens der Türken. - Möglich daß  dieses deutsch-römische Reich seine geistigen und kulturellen Impulse aus dem Osten bekam.

Überhaupt sollte man erwägen, daß die ersten Türken oder Osmanen nicht aus Kleinasien, sondern aus dem Balkan kamen. Adrianopel liegt im europäischen Teil der Türkei und fiel bekanntlich weit früher als die Hauptstadt.

Und die makedonische Eroberung des Perserreiches geschah wohl nicht in Kleinasien, sondern eben vor den Toren Konstantinopels, in Thrakien. - Schließlich sind Mohammedaner und Makedonen identisch (CP), und auch die Figur eines Alexanders paßt gut zu den großen osmanischen Eroberern des "15. und 16. Jhs.", etwa Murad und Bajezid.

Im Frühmittelalter gibt es staunenswerte Parallelen sogar mit der biblischen Geschichte. Da soll "im 8. Jh. AD" ein Kalif Harun al-Raschid geherrscht haben. - Aber um die selbe Zeit stirbt ein Moses, Emir von Babylon und Damaskus. Und sein Nachfolger wird Aaron. - Zwischen Harun und Aaron gibt es keinen Unterschied.

Und um "1200 AD" lebte angeblich Maimonides (Mose-ben-Maimon), der in Ägypten wirkte. - Moses, Aaron und Maimon sind wohl drei Namen für eine einzige Gestalt.

Gleichzeitig wird die überlange arabische Geschichte ("ab 622 AD" als brüchige Konstruktion voller Parallelen entlarvt.

Ebenfalls ist die Eroberung Bagdads und des Kalifats durch die Tataren "1258" und die Eroberung des Mameluckenstaats von Ägypten durch die Türken "1517" als Parallelität zu erkennen: Mamelucken = Kalifen; Türken = Tataren.

Es existieren auch Bezüge zwischen den westlichen Iberern und östlichen Armeniern. Beide Völker werden zuerst in Thrakien behauptet und in Konstantinopel angesiedelt.

Nostradamus kennt übrigens Konstantinopel nicht, sondern nur Byzanz. - Das läßt Vermutungen über eine mögliche Umbenennung der Stadt am Goldenen Horn anstellen.

Aber wichtig ist zuerst die Erkenntnis, daß die ältesten Quellen ein gewaltiges geographisches, ethnisches und zeitliches Durcheinander darbieten. - Das neuzeitliche Geschichtsbild war eben erst im Entstehen.

Es bestehen überdies Parallelen zwischen dem Koloß des Nero in Rom und dem Koloß von Rhodos, und diese umgreifen zeitlich die Zeit "vor Christus" bis weit ins "Hochmittelalter".

Eine ebensolche Parallele hat schon der Rezensent (CP) erkannt: Die Plünderung Konstantinopels "1202 oder 1204 AD" und der Sacco di Roma "1527" sind deckungsgleiche Ereignisse. Welches Rom wurde tatsächlich verheert?

Die Byzantiner wirkten nicht nur im Osten, sondern am Fuße der Pyrenäen. Dort gibt es eine Stadt mit Namen FOIX = französisch Glaube. - In Südwestfrankreich gab es schließlich auch die Häresie der Albigenser. - Und Nostradamus nennt ein Oberhaupt von THOLENTIN, dessen Besitz wie derjenige der Byzantiner durch den Graf von Toulouse konfisziert wurde.

THOLENTIN (TLNT) steckt auch im Namen der spanischen Stadt TOLEDO (TL(N)T). (CP)

Vielleicht ist auch Toulouse (TOLOSA = TLS > TL(N)T so zu erklären (CP).

Es besteht ferner ein Zusammenhang zwischen dem Seesieg der Venezianer und Genuesen bei Lepanto "1571" und einem Seesieg von "1258". Dort besiegte ein genuesisch-ptolemaischer Flottenverband einen solchen der Venezianer und Pisaner. - So meldet es jedenfalls Calvisius.

Vermutlich war nach Däppen Venedig nicht eine große Seemacht im östlichen Mittelmeer, sondern nur der räuberische Rest eines ehemaligen Reiches, das in der Ägäis sein Zentrum hatte.

Däppen ahnt eine Verbindung zwischen Persien und Gallien. - Aber schon Fomenko und ich (CP) haben nachgewiesen, daß diese beiden Länder und Völker ursprünglich das Gleiche meinten:

PARIS (PRS) heißt PERSIA (PRS)!

Darüber hinaus habe ich auch erkannt, daß die Achäer (ursprünglich AGIALEIER), wiederum die GALLIER meint.

Ebenfalls diskutiert Däppen eine Verbindung zwischen Ungarn, Tataren und Türken. Dahinter stünden letztere. Und die Geschichte der Nibelungen spiele deshalb eher an der Donau, auch wenn der Rhein genannt wird.

Einen furchtbaren Anachronismus führt Calvisius auf, der für 384 AD den Tod des Perserkönigs Artaxerxes meldet, dem sein Sohn Sapores nachgefolgt sei.

Aber der Widerspruch löst sich auf: Die "nachchristlichen" Perserkönige heißen Ardaschir und Schapur - leicht als Verballhornungen jener zwei oben genannten Namen zu erkennen.

Der römische Kaiser Philippus Arabs, der angeblich 246 AD das tausendjährige Bestehen der Stadt Rom feierte, ist nach Däppen wohl identisch mit Philipp von Makedonien oder Alexander dem Grossen. - Und der Beiname ARABER bedeutet nicht zwingend das heutige Arabien, sondern weist vielmehr nach Thrakien (vergleiche auch die Landschaft BESSARABIEN), also die Heimat der makedonischen Herrscher.

Über den Limes in Deutschland sagt Däppen, dieser sei größtenteils eine Fiktion und vor allem eine Projektion von altertümelnden Heimatforschern, wohl auch eine listige Gemeinschaftsproduktion ortskundiger und geschäftstüchtiger Antiquitätenfälscher ... des 19. Jahrhunderts.

(S: 140)

Däppens Synochenrechnungen und Vergleiche zwischen den verschiedenen Ären ergeben manchmal frappante Einzelheiten. So soll sich die byzantinische Weltära just im Jahr 1492 bei der Zahl 7000 befunden haben: Ein numerologisches Indiz also, daß die Neue Welt nicht bei diesem absurd frühen Datum entdeckt worden ist.

Der Autor hält dieses Faktum für eine eschatologisch aufgeladene Konstruktion von weltgeschichtlichen Daten (S. 142).

Als weiteres Indiz für die Verjüngung von Nostradamus nennt Däppen die maßgebliche Ausgabe jener Prophezeiungen. Diese erschienen 1678 in Amsterdam. Schon daher besteht der Inhalt des Werkes vor allem aus Weissagungen im Nachhinein.

Der Dreißigjährige Krieg ist für Däppen (wie auch für mich) gar nicht sicher. - Diese Epoche der Anarchie könnte früher (oder nach mir) später stattgefunden haben und zeigt sich als europäischer Bruderkrieg mit religiösen Vorzeichen.

Däppen sieht Verbindungen zwischen den Judenverfolgungen "im 14. Jh. AD" und der Vertreibung der Hugenotten im Frankreich des 17. Jahrhunderts. - Vielleicht waren es die Juden, die ursprünglich das Kreuz trugen.

Auch andere Indizien sprechen dafür, daß die "Juden" die ursprünglichen Überbringer des Christentums waren - eine für die späteren klerikalen Dogmatiker unangenehme Feststellung.

Däppen sieht eine Verbindung zwischen dem "antiken" Stier-, Sonnen- und Höhlenkult des Mithras und der Stierkampfkultur in Spanien, in der Provence - und in dem Priesterkult der römisch-katholischen Kirche.

Weiter erörtert der Autor die angeblich persischen Heilslehren von Mani und Zoroaster (Zarathustra). Diese Glaubensbekenntnisse wirken in dem altpersischen Reich der Sassaniden. Schließlich wird der Zoroastrismus als hierarchischer Priesterkult zur Staatsreligion erhoben - bis zur islamischen Eroberung.

Indem man die unrealistische Chronologie beiseite läßt, ergeben sich Parallelitäten zum Kampf der französischen Könige gegen die Albigenser und gegen die Hugenotten.

Unbedingt möchte der Rezensent etwas zu den Namen Mani und Zarathustra anfügen.

Beide Namen sind nicht so exotisch, wie man gemeinhin meint:

MANI ergibt über die Entvokalisierung MN > (R)MN, woraus man ROMANUS, Römer ableitet.

ZARATUSTRAM läßt sich über die Entvokalisierung CRTSTM leicht als CRSTM, also CHRISTUM, Christus deuten.

Die gesamte alte Überlieferung ist schließlich christlich. - Unchristliches wurde getilgt.

Däppen ruft uns in Erinnerung, daß der heilige Nikolaus zu den beliebtesten Heiligen gehörte. Dieser vertrat mit Verve auf dem Konzil von Nikäa die Trinität. Zusammen mit den Nikolaus-Päpsten ergibt sich eine Synoche bis 1054, dem Datum des angeblichen Schismas zwischen Ost und West.

NIKOLAUS scheint ein griechischer Name zu sein. Aber NIKE ergibt Nikäa, und laus (LS) hat sicher eine andere Deutung.

Ich (CP) erkenne in dem heiligen NIKOLAUS von MYRA den neapolitanischen Vesuvianer aus Rom: (NS > VNS = NEAPOLIS; LS > VLS = VOLUSIUS = VESUVIUS und MYRA = MR > RM = ROMA).

Ein katholischer Heiliger kann nur ein getreuer Verteidiger der römischen Vesuvreligion sein.

Bei der Indiktion ruft Däppen in Erinnerung, daß es neben der kleinen Indiktion von 15 Jahren (Römerzahl oder Römer-Zinszahl) auch eine große Indiktion mit 532 Jahren gab. Diese Epochen wurden von Scaliger geschaffen und spielten eine große Rolle bei der Chronologisierung der (erfundenen) Geschichte.

Und die berühmte angebliche Kalenderreform von 1582 durch Gregor XIII. hat einen numerologischen Bezug zu 1572, dem Datum der Bartholomäusnacht in Frankreich.

Aber Däppen weist außerhalb des Buches darauf hin, daß die Gregorianische Kalenderreform von 1582 eine Rückprojektion ist, ausgelöst durch die angebliche protestantische Kalenderreform von "1700/1701".

Über die Jesuiten und ihre Ideologie sagt Däppen, daß diese eine fast anarchische Stosskraft (S. 185) besaß. Das war sicher der Grund für die Anfeindungen und die Verbote ihrer Tätigkeit.

Fast bei jener Geschichte stößt man auf die verquere Chronologie der Vorgeschichte.

Bei den Christen in Kleinasien nennt Däppen die Stadt Sardes. Diese soll in römischer Zeit eine neue Blüte erlebt haben und "erst im 14. Jahrhundert AD" verödet sein. - Eine Stadt, die über tausend Jahre geblüht und existiert hat?

Richtig sieht Däppen in den biblischen Texten von Esra und Nehemia einen Aufruf zur Apartheid der Israeliten. Und wahrscheinlich ist die religiöse Entwicklung der Vorzeit so zu deuten, daß die Juden die römische Staatsreligion vereinnahmt und für ihre Zwecke ausgestaltet haben. - Die Verbindung zwischen Römern und Juden, besonders über den Schriftsteller Flavius Josephus, ist auf alle Fälle enger als man gemeinhin annimmt.

Däppen sieht auch ein mögliches Motiv für den Judenhaß der römisch-katholischen Kirche: Der judenchristliche Erlösungskult um Mithras oder den göttlichen Julius Caesar hat die schriftliche Überlieferung des vergöttlichten Herrschers verfälscht, hat also Caesar = Jesus in übertragenem Sinn getötet.

Daß unter dem Einfluß des Islams das spätere Judentum, das wir heute kennen, die Figur von Jesus Christus wieder leugnete, entbehrt nach Däppen nicht der Ironie.

Esra war es, der nach der persischen Gefangenheit des Judentums das mosaische Gesetz in das neue Israel einbrachte. Und der neue Gottesstaat hat sich bekanntlich gegen die hellenistischen Herrscher mit den Makkabäern gewehrt und ist erst von den Römern nach mehreren Aufständen völlig unterworfen worden.

ESRA = (J)SR oder (C)SR selbst kann durchaus eine Verschleierung für JESUS oder CAESAR sein (CP). - Ein Jesus wird in dem Text auch genannt.

Die Welt der Antike war kleinräumiger als wir heute meinen. So warnt Däppen, die Ländernamen Afrika und Asien, aber auch Flußnamen wie den Indus dort zu suchen, wo sie heute stehen. - Sie waren ursprünglich sicher irgendwo zwischen Italien und der Ägäis.

Sogar antike Städte sind gar nicht leicht zu lokalisieren. Besonders trifft dies auf Antiochia zu, angeblich am Orontes in Nordsyrien gelegen und türkisch heute Antakya.

Nicht folgen kann der Rezensent (CP) der Meinung Däppens, POMPEJUS bedeute pomp-ius = das prächtige Gesetz. Wie Pompejus ist nämlich der Name der Vesuvstadt POMPEJI zu erklären:

POMP-ILIUM = ROM-ILIUM, also ROMANUM ILIUM = römisches Iljon.

Pompejus ist wie Numa Pompilius ein römischer Oberkönig, aber kein Gesetzgeber.

Dagegen zeigt die Betrachtungsweise in Synochen eine weitere erstaunliche Parallele: Die Eroberung Roms durch die Vandalen "455 AD" ist gleichzusetzen mit der Eroberung des vandalischen Karthagos durch Belisar "535 AD". - Doch Karthago soll bekanntlich Neustadt, also Neapel heißen. Damit wäre wohl ein anderer Ort gemeint.

Und die Eroberung Karthagos 535 AD wiederholt sich genau 1000 Jahre später: "1535" eroberte Karl V. Tunis, wo der Korsar Chaireddin BARBAROSSA seinen Sitz hatte. - Das zeigt, wie stark die erfundene Geschichte auch numerologisch ein einheitliches Konstrukt darstellt, das Jahrtausende umspannt.

Däppen nennt manchmal pseudohistorische Einzelheiten, die auch einem guten Kenner dieser Geschichten bisher unbekannt waren.

Beispielsweise soll nach Calvisius "718 AD" in Spanien eine längere Sonnenfinsternis beobachtet worden sein. Diese liefert interessante Bezüge zu anderen Daten und Ären.

Die Rolle der Jesuiten bei der Entstehung der modernen Wissenschaft und besonders der Chronologie wird hervorgehoben. Schließlich war zum Beispiel Denis Pétau alias Dionysius Petavius Mitglied der Societas Jesu.

Der Hexenwahn wird unter dem Aspekt der Zeitverkürzung zu einer sehr fragwürdigen Sache. Däppen hebt hervor, daß zum Beispiel der berüchtigte, angeblich "1488" erschienene Hexenhammer (malleus maleficarum) einen schon beinahe aufklärerischen Geist verströmt.

Und der berüchtigte Hexenpapst, Papst Innozenz VIII. am Ende des 15. Jhs., hat in Innozenz III. um 1200 einen hochmittelalterlichen Vorläufer.

Richtig sagt Däppen auch:

Der genuine Augustinismus war der katholischen Kirche tatsächlich schon immer fremd, da er mit der katholischen Volksfrömmigkeit gänzlich unvereinbar war.

(Seite 229)

Wir wissen bereits, daß Augustin und Luther zwei Seiten der gleichen Medaille darstellen. - Deshalb wohl mußte die Kirche auch einen Thomas von Aquin erfinden, um den alten Kirchenlehrer zu ersetzen (CP).

Der rachsüchtige Gott der Hebräer im Alten Testament - mehr ein böser Dämon - tritt manchmal sogar auf Befehl des Hohepriesters in Aktion. Dieses Verhältnis erinnert sehr an die ursprüngliche Auffassung des Papsttums: Auch dieser kann Gott zu einer Handlung zwingen. - Und Moses ist im Grunde ein Herr über einen Dämon.

Ein interessanter Epochenübergang erkennt Däppen im Jahr "1566": Damals wurde der Ketzerfresser Pius V. erster nachtridentinische Papst. - Und im gleichen Jahr starb Nostradamus!

Die starken astrologischen, kosmologischen und kabbalistischen Tendenzen, die Däppen in der ältesten Überlieferung erkennt, lassen ihn das 17. Jahrhundert als magisches Jahrhundert bezeichnen (S. 243).

Ausführlich behandelt Däppen das Fronleichnamsfest. Dieses ist vielleicht älter als Ostern. Und Fronleichnam mit seinen Prozessionen enthüllt unschwer einen heidnischen Ursprung. Deshalb auch war es bei den Reformatoren wie Luther so verhaßt. Fronleichnam hatte wohl ursprünglich den Charakter eines Frühlingsfestes, bevor es zur Demonstration des Katholizismus wurde.

Das Weltuntergangsjahr 1260 des Joachim von Fiore nennt Nostradamus in seinem Vorwort an König Heinrich den einzigen nachchristlichen Fixpunkt in seiner Berechnung der Weltzeitalter.

Die Judenfeindschaft des christlichen Europas läßt sich chronologisch homologisieren. Da hätten während des Ersten Kreuzzuges Scharen von Franzosen die Rheinlande verheert und viele Städte wie Speyer, Mainz, Trier, Worms und Straßburg judenfrei gemacht.

Nach meiner (CP) Ansicht reflektiert dieser französische Einfall vor 1100 AD den Einfall der Franzosen im Pfälzischen Erbfolgekrieg von Ludwig XIV., der angeblich in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts stattfand und bei dem ebenfalls die genannten Städte verheert wurden.

So könnte das Mittelhochdeutsch - angeblich zuerst in hebräischen Buchstaben geschrieben - damals vernichtet worden sein.

Die Reformation ging von Deutschland aus. Ein Eiferer wie Heinrich von Kettenbach wettert gegen Papisten, aber auch gegen "Machumets Glauben". - Letzteres aber wirkt sehr heuchlerisch. Denn mit dem protestantischen Bildersturm zeigen sich die Reformierten als wesensgleich mit dem bilderfeindlichen Islam.

Däppen erinnert daran, daß Ephesus und Korinth auf derselben geographischen Breite liegen. Und das eigentliche Ephesus war wohl Korinth. Deshalb schrieb Paulus an die Einwohner beider Städte je einen Brief.

In Ephesus aber wird der Diana- oder Artemiskult, auch derjenige der Magna Mater angesiedelt. Und Maria, die Mutter des Heilands, wird deshalb nicht nur im Christentum, sondern auch im Islam verehrt, wo ihr die 19. Sure gewidmet ist. Danach soll Maria die Schwester Aarons - und damit auch von Moses - gewesen sein.

Den Gegensatz zwischen Moses und Aaron löst Däppen folgendermaßen auf:

Aaron ließ angeblich die Verehrung des Goldenen Kalbes zu. - Nun aber heißt mosch'eh im Hebräischen Kalb. Also besteht kein Unterschied zwischen der Anbetung des Kalbes und derjenigen von Moses.

Aber die Rivalität zwischen Moses und Aaron wiederholt sich im "Mittelalter", als die Karäer unter Aaron ben Elia gegen den Aristoteliker Moses ben Maimon (Maimonides) auftraten.

In der Geschichte des Goldenen Kalbes widerspiegeln sich also jüdische Glaubensstreitigkeiten.

Die Geschichte vom Tempel Salomos, aber auch die Geschichten von den verschiedenen Tempelzerstörungen in Jerusalem sind ziemlich wirr. Hier spielt die Al-Aksa-Moschee hinein, ferner der Jupitertempel von Baalbek.

Däppen erwähnt einen Kalendertrick: Zu Beginn des 18. Jahrhunderts wurden mehrere verbesserte Kalender herausgegeben. Diese enthalten mehrere neue Tage nach dem Oktavenprinzip. Beispielsweise "Kindlein 8". Gemeint sind damit  Platzhalter für Feste, die zehn Tage vorher waren.

Kindlein 8 stand jetzt für den 4. Januar. Gemeint war damit Heiligabend der 24. Dezember nach dem alten Kalender.

Allerdings kann Kindlein 8 auch den 28. Dezember meinen (28,12, - 4.1.), den Tag des Bethlehemitischen Kindermordes.

Die ganzen Kalenderverbesserungen stehen im Zusammenhang mit der protestantischen Kalenderreform, die Däppen betont: Ende 1700 wurden zehn Tage ausgelassen, so daß man am 31.12.1700 gleich auf den 14. Januar 1701 übersprang. - Die Gregorianische Kalenderreform war demzufolge eine neidische katholische Rückprojektion für die protestantische Kalenderverbesserung.

Mit der Kalenderreform wollten die Protestanten den Frühjahrsbeginn vom 10. März auf den 21. März bringen. Im Sinne des Oktavenprinzips sollte damit nach Däppen die Tagundnachtgleiche zum 17. März gebracht werden.

Die Dinge um die Kalenderreform mögen kompliziert scheinen. Aber sie lohnen eine weitere Betrachtung. Denn meiner (CP) Ansicht nach beginnt erst im Laufe des 18. Jahrhunderts die inhaltlich und zeitlich plausible Geschichte.

Weiter sieht Däppen eine Parallele zwischen dem Propheten Elias und dem fürchterlichen alttestamentlichen General Jehu: Die Verbindung dürfte sich über Elijahu ("mein Gott ist Jahwe") gehen.

Wiederholt wird der Apostel Paulus als die Quelle der Verwirrung gedeutet. Mit seinen eitlen Briefen hat er die Juden daran gehindert, weiter an Christus als den Messias zu glauben.

Doch auch Flavius Josephus steht vielleicht dahinter. Er hat aus dem Divus Julius Caesar einen Jesus Christus gemacht.

Die ägyptischen Mamelucken gelten als Abkömmlinge türkischstämmiger Sklaven. Und in dem gleichen Land sind etwa 200 karäische Inschriften überliefert. - Die Karäer jedoch gelten als jüdische Sekte. Das Ägypten der Mamelucken könnte deshalb nach Däppen ursprünglich ein hebräisches Land gewesen sein.

Ebenfalls weist Däppen darauf hin, daß Calvisius einen Cimmerium Bosphorum erwähnt. Damit ist die Meerenge von Kertsch auf der Krim gemeint. Daran schließt sich eine Betrachtung an, welche sogar das biblische Gomorra in Südrußland ansiedelt.

Wiederum geht der Autor auf die Kalenderreform ein. Neue Einzelheiten werden bekannt. Beispielsweise haben die Protestanten auf den 1.März 1700 einen von einem Erhard Weigel ausgearbeiteten Verbesserten Kalender beschlossen. Dieser zeichnete sich dadurch aus, daß er nicht mehr auf der komplizierten Epakten-Rechnung - einer Art Algorithmus - beruhte, sondern auf den tatsächlichen astronomischen Gegebenheiten.

Der endgültige Beitritt des Reiches zur allgemeinen Kalenderreform geschah erst 1776. - Und wichtig ist zu erwähnen, worum es den Katholiken wie Protestanten bei den Änderungen am Kalender ging: Man wollte verhindern, daß das christliche Osterfest mit dem jüdischen Pessach-Fest zusammenfiel.

Wiederum wird vermeldet, daß in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts in Osteuropa Juden und Protestanten in gleicher Weise verfolgt wurden.

Die beiden Grabinschriften des Nostradamus, aber auch andere Hinweise in seinen Texten, legen nahe, daß zu seiner Zeit noch ein anderer Kalender galt, jener Seher also vor 1700 wirkte.

Der julianische Kalender rechnete in Oktaven, also mit einer achttägigen Woche. Und diese Oktavenfrage durchzieht die ganze Kalenderfrage. Doch auch hier steht die alles dominierende Osterfrage und die vertrackten Osterregeln dahinter.

Der heutige Kalender enthält noch Spuren ungelöster Fragen: Beispielsweise fällt Ostern immer auf einen Sonntag; Weihnachten hingegen kann auf einen beliebigen Wochentag fallen.

Däppen hat profunde Kenntnisse der alten Chroniken und breitet  manchmal staunenswerte Einzelheiten aus. Beispielsweise berichtet der Chronist Franz Haffner für das Jahr "540 AD", die "Ostergothen" hätten mit Hilfe von 10'000 Helvetiern (sic!) die Stadt Mailand dem Erdboden gleichgemacht. - Solche Fakten liest man in heutigen Geschichtsbüchern nicht mehr, sie wurden eliminiert.

Dark Ages, also dunkle Jahrhunderte, gibt es nicht nur in der Antike, sondern auch in der angeblich so gut belegten frühen Neuzeit. - Däppen nennt ausgerechnet das entscheidende 17. Jahrhundert ein solches - und der Rezensent pflichtet ihm bei. - Nostradamus liefert beispielsweise zwischen 1607 und 1700 keine Jahrzahlen.

Der Autor weist nach, daß sich hinter der angeblich geschichtslosen Zeit, besonders in Italien, ein historiographisches und chronologisches Problem verbirgt.

Das zeigt sich deutlich an dem Begriff Renaissance. - Angeblich hat diesen Begriff der allzu früh angesetzte Kunsthistoriker Giorgio Vasari geschaffen. - Und Jacob Burckhardt im 19. Jahrhundert hat sich blind auf diesen abgestützt.

Aber die Wiederentdeckung der Antike begann im Grunde erst in der Mitte des 18. Jahrhunderts. Zwei Ereignisse lösten die neue Begeisterung für die Antike aus. Zuerst war es die Entdeckung des verschütteten Pompeji um 1750 (?). - Dann begann Piranesi seine römischen Veduten zu schaffen, die ungeheuren Einfluß auf das geistige und künstlerische Europa ausübten (vergleiche die Titel-Abbildung).

Die wichtigste Erkenntnis aus den Veduten von Piranesi war, daß es in Rom offenbar irgend einmal einen zivilisatorischen Bruch gegeben hatte. Doch die Ruinen des alten Roms schienen die Gegenwart zu überstrahlen.

Aber die Ruinenansichten lassen Fragen aufkeimen, die Däppen stellt: Haben die spätmittelalterlichen Humanisten und Goethe die selben Ruinen gesehen? - Wie lange können Ruinen ohne denkmalpflegerische Intervention überdauern?

Und wie steht es mit den Plünderungen Roms, von denen die Chroniken berichten? Lassen wir die spätantiken Ereignisse (Plünderung Roms durch die Westgoten 410, Plünderung Roms durch die Vandalen 455, usw.) beiseite, so hätte spätestens der berüchtigte Sacco di Roma von "1527" von der einst herrlichen Stadt keine größeren Überreste mehr stehen lassen.

Und angeblich haben schon frühere Zeichner wie Silvestre, Cock und Dupérac die gleichen mit Vegetation überwucherten Ruinen gezeichnet. - Also, wie alt sind Roms "antike" Ruinen wirklich?

Der Übergang zwischen Antike und Moderne ist rätselhaft. Und Piranesis Ruinenlandschaften erinnern stark an die Schreckensvisionen von Nostradamus.

Däppen nimmt dabei meine (CP) Ortsnamen-Erklärungen voraus: Rom konnte überall sein (gleich wie Neapel, Troja oder der Vesuv). Also war jene Stadt auch an anderen Orten möglich. Zu Recht hieß es dann: UBI PAPA, IBI ROMA. - Jedenfalls stammt das Papsttum ursprünglich nicht aus dem Rom, das wir heute kennen.

Besonders die Oberrheinische Gegend, der Rhein zwischen Basel und Bodensee, könnte die Region des ursprünglichen Roms gewesen sein. - Die bekanntesten spätmittelalterlichen Konzilien werden nicht von ungefähr in Basel und in Konstanz angesiedelt.

Und fast alle klassischen Texte der "Römerzeit" wurden merkwürdigerweise nicht in Italien, sondern nördlich der Alpen gefunden.

Als ursprünglicher Papstsitz gilt Avignon. Ist es Zufall, daß alle Päpste, die etwas mit jener Rhonestadt zu tun hatten, Klemens hießen?

Wie viele Orte in der ganzen Welt den Namen Neapel enthüllen, hat der Rezensent (CP) vor kurzem in seinem Ortsnamenbuch Die Ortsnamen der Schweiz nachgewiesen.

Auch Däppen fällt dies auf, und er schreibt, daß man diese Tatsache als altes und gängiges Schema der Namensgebung betrachten kann. (S: 352)

Interessant ist die Figur des byzantinischen Kaisers Heraklios, der just zur Zeit der Flucht Mohammeds (Hedschra) herrschte. - Auch Nostradamus nennt ihn in mehreren Versen König von Rom.

Im Osten soll es ein rätselhaftes Eroberervolk der Avaren gegeben haben. - Doch die gallische Stadt Avaricum, das heutige Bourges, trägt den gleichen Namen. - Und Bourges gibt es auch westlich von Konstantinopel als Burgas.

Interessant ist der Hinweis, wonach das angebliche spätmittelalterliche Konzil von Basel vor allem publizistisch ausgefochten wurde. - Verschiebt man die Zeiten und die Umstände, so wird ein Ort deutlich, der eine zentrale Rolle bei der Entstehung des gedruckten Wortes, der Bibel, der Kirchenväter und übrigen klassischen Texte spielte.

Nostradamus erfreut mit gewissen Versen sogar die Chronologie- und Geschichtskritiker:

Die Topographie wird falsch dargestellt werden, ...

Man nimmt Schwarzes für Weißes und Grünes für Antikes.

(Q 7.14)

Dahinter steht die Erkenntnis, daß der Verlust von geschichtlichem Gedächtnis zu geistiger Verwirrung führen mußte.

Die Erdoberfläche konnte falsch dargestellt werden, indem man sie zum Beispiel mit antiken Namen neu benannte.

Auch hinter der sogenannten babylonischen Sprachverwirrung könnte eine Erschütterung der gesamten Kultur und ein radikaler Neubeginn stehen.

Däppen befaßt sich auch mit der Agrippa-Sippe. Es gab bekanntlich deren drei, wobei der bekannteste Marcus Vipsanius Agrippa darstellt, dem der Seesieg bei Actium zugeschrieben wird.

Die dritte der Sippe war Agrippina, die erste Frau des Kaisers Nero, die schließlich auf sein Geheiß umgebracht wurde.  Dabei treten wiederum Anachronismen auf, indem römische Personen in deutschen Städten wie Köln, Frankfurt und Nürnberg angesiedelt wurden.

Kunstgeschichtliche Vergleiche zeigen für Däppen einen Übergang von der Romanik zur Gotik.

In dem Gemälde Die Anbetung der drei Könige von Hugo van der Goes ist der Stall von Bethlehem als romanische Ruine gezeichnet, während in der Landschaft schon gotische Kirchen stehen. - Das bezeugt einen Wechsel des kulturellen und religiösen  Paradigmas von der Antike oder dem Mittelalter zur Neuzeit.

Die Bilder sind deshalb als wahre Zeugnisse aus einer Zeit zu betrachten, die wir noch nicht richtig verstehen.

Däppen erwähnt ferner zwei angeblich mittelalterliche Inschriften an der alten Porte Saint-Nicolas in Arras: Die Texte wurden im 17. Jahrhundert kopiert, gingen aber gleichwohl verloren, bis der Historiker Duby im 19. Jahrhundert die "originalen" Texte in einer wissenschaftlichen Edition aufarbeitete.

Aber solche Beispiele von Texten, die verloren gehen und auf wunderbare Weise wieder aufgefunden werden, gibt es zuhauf. Das läßt den Autor feststellen:

Die Quellen des Mittelalter sprießen aus den unergründlichen Tiefen der Gelehrsamkeit des 16. und 17. Jahrhunderts, um sogleich wieder zu verwelken; doch zum Glück können eifrige Konservatoren des 18. und 19. Jhs. die absterbenden Quellen gerade noch fixieren und aufzeichnen, bevor sie sich in Luft auflösen und für immer verloren sind. Die schier unglaubliche Wahrheit ist schlicht beängstigend: Es gibt fast keine originalen, geschichtlich relevanten schriftlichen Quellen aus dem Mittelalter, ... (S. 380).

Als weiteres Beispiel für eine dubiose Quellensammlung nennt Däppen Das Magnum Chronicon Belgicum des deutschen Theologen Pistorius, angeblich aus dem 17. Jh.

Und anbei äußert der Autor den Verdacht, daß die Druckdaten der alten Bücher offenbar meistens nicht stimmten.

Der Rezensent (CP) hält unterdessen alle Druckdaten vor etwa 1750 für falsch oder rückdatiert.

Däppen erkennt die zahlreichen Stadtbrände, Bücher- und Bibliotheksbrände als typisches Stilmittel der Geschichtsfälscher, um das Fehlen originaler Quellen aus dem "Altertum" und "Mittelalter" zu erklären. - Das Gleiche gilt von den "Abschriften", die meistens originale Fabrikate darstellen.

Ein Vordenker der Renaissance wie Cornelius Agrippa von Nettesheim offenbart in seinen Schriften, daß es vor ihm eine rätselhafte Zeit gab, die ebenfalls kulturelle Höchstleistungen vollbrachte, von der man damals aber schon nichts mehr Sicheres wußte.

Ausführlich bespricht Däppen die Epoche von Justinian und Theoderich, also das "6. Jh. AD". Dort werden eine Menge Katastrophen, Kometen Erdbeben - und die Pest - beschrieben, was sich zu einer Synoche mit dem 14. Jh. verbinden läßt.

Eine wichtige Jahrzahl ist in diesem Zusammenhang übrigens "525 AD", der Bau eines arianischen Baptisteriums in Ravenna.

Nochmals diskutiert Däppen die Hypothese einer kosmischen Katastrophe, etwa das im Buch Josua geschilderte Sonnenwunder - der Stillstand von Sonne und Mond während eines Tages. Dabei greift der Schreiber auch das Dogma einer seit Jahrtausenden hinreichend konstanten Erdrotation als Grundlage der traditionellen Chronologie an.

Dies widerlegt der Autor mit dem berühmten Beispiel des Halleyschen Kometen:

Die Vorhersage des Erscheinen dieses Kometen 1758/59 galt als Triumph der neuen aufklärerischen Naturwissenschaft. - Und natürlich erschien jener Himmelkörper auch 1835/36, 1910 und 1986 mit schöner Regelmäßigkeit am Himmel.

Doch die wenigsten wissen: Jedes Jahr erscheinen Dutzende von Kometen. Also ist es reine Willkür, welcher Himmelskörper dann das richtige Etikett ("Halley") bekommt. - Und wenn der Komet kaum sichtbar wird oder verspätet erscheint, stört das die Astronomen nicht. Die Erwartungshaltung verdrängt alle Zweifel und Kritik.

Däppen resümiert:

Damit wird ausgerechnet dieser berühmteste Himmelskörper (Halley), der einst den Triumph der exakten Wissenschaft verkündete, zum Kronzeugen der Fehler in der Geschichtsschreibung! (S. 404)

Als Fazit könnte man sagen: So wenig wie sich der Himmel berechnen läßt, so wenig auch die ältere Geschichte bestimmen. - Wir wissen nichts und werden nichts wissen.


14. Januar 2006, 2012