Die Geschichte Berns vom 13. bis zum 18. Jahrhundert AD ist eine Phantasievorstellung von gewissen Professoren und Wissenschaftern!


Berns mutige Zeit - eine Kritik

Bemerkungen zum fragwürdigen Jubiläum "1353 - 2003 AD"

und zu dem ärgerlichen Buch mit diesem Titel


Vgl. dazu vom Autor das Buch Die Ursprünge Berns (2013)

Vergleiche auch die Folgebände von Berner Zeiten:

Berns mächtige Zeit

Berns goldene Zeit


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Sinn und Unsinn eines historischen Jubiläums

Jubiläen haben einen festen Platz im staatspolitischen Kalender. Bern macht da keine Ausnahme. Hier sind es vor allem zwei Daten, die seit zwei Jahrhunderten regelmäßig gefeiert werden: Die „Gründung Berns 1191" und der „Eintritt Berns in den Bund der Eidgenossen 1353". – Was ist davon zu halten?

Die junge Geschichts- und Chronologiekritik muß beide Daten und Fakten verwerfen. Die Geschichte mit ihren Jahrzahlen und Inhalten wird erst im Laufe des 18. Jahrhunderts plausibel – auch in Bern.

Doch ein überkommenes Geschichtsbild hat sich derart im öffentlichen Bewußtsein eingeschliffen, daß eine Berichtigung fast unmöglich scheint.

Ist es überhaupt nötig, ein veraltetes Geschichtsbild richtig zu stellen? – Der alte Kram interessiert doch heute außer Fachleuten und ein paar Geschichtsfreunden niemand mehr. Es gilt in die Zukunft zu blicken, nicht der Vergangenheit nachtrauern!

Einer solchen Meinung kann man entgegnen, daß die Menschheit nun einmal auch eine historische Dimension hat, die sich nicht leugnen läßt. Und wer die Vergangenheit nicht versteht, ist dazu verurteilt, sie zu wiederholen, heißt ein berühmter Ausspruch des amerikanischen Philosophen Santayana.

Abgesehen von der reinen Geschichte meine ich, daß man nicht auf Jubiläen verzichten muß. Solche könnten Anstoß sein für eine historische Standortbestimmung. Sie wären eine Gelegenheit, um die eigene Vergangenheit kritisch zu betrachten, die Gegenwart zu bestimmen und daraus ein Handeln für die Zukunft abzuwägen.

Berns neues Jubiläum

Von einer solchen Grundhaltung war das abgelaufene Jubiläum „Bern 1353 – 650 Jahre im Bund der Eidgenossen" weit entfernt. Eine tragende Idee war nicht erkennbar. Man hatte den Eindruck, daß ein Jubiläum abgewickelt wurde, weil eben die Zeit da war und man diese nicht ungenutzt wollte verstreichen lassen.

Welch ein Unterschied zu den letzten Jubiläumsfeiern von 1941 und 1953! – Hier machten noch die ganze Stadt und der ganze Kanton Bern mit. Das waren Anlässe, die über Generationen weiterlebten.

Nun muß man ehrlicherweise anfügen, daß jedes Jubiläum seine Zeit widerspiegelt. Die Feiern von 1941 hatten klar einen Hintergrund in der extremen Bedrohung des Landes mitten im Zweiten Weltkrieg. – Und 1953 lebte noch von dieser Grundwelle einer erneuten Heimatliebe und eines Bekenntnisses zu den eigenen Wurzeln.

In fünfzig Jahren hat sich in der Welt unendlich viel geändert. Ein Festumzug wie 1953 wäre heute wohl unmöglich. Man lehnt die ältere Geschichte zwar nicht ab, aber läßt sie links liegen: Die Zähringer dienen nur noch als Garnitur, und das Reiterstandbild von Rudolf von Erlach genießt heute ein abgeschiedenes, von Bäumen umschattetes Dasein abseits der Hauptachse der Altstadt auf der Grabenpromenade.

Und Stadt und Kanton Bern haben nicht mehr den Glanz von früher.

Eine verpaßte Chance für eine Neubesinnung

Gerade in einer solchen Zeit wäre ein Jubiläum im Zeichen der historischen Kritik doppelt angebracht. Man könnte sich auf die wahren Wurzeln der historischen Existenz besinnen können, fern eines altmodischen Patriotismus.

Das hätte bedingt, die wahre oder nachweisbare geschichtliche Vergangenheit zu finden. Und diese hätte im 18. Jahrhundert begonnen, einer Zeit der Glaubenskämpfe, der sozialen Revolten und einer vollständigen Neuschöpfung der Geschichte und Literatur.

Man ist nicht mehr Feuer und Flamme für die alten Helden, hat aber auch nicht den Mut, die ideologische Rumpelkammer aufzuräumen und reinen historischen Wein einzuschenken.

Also gab es keinen historischen Festumzug wie 1941 und 1953, sondern eine über Monate verteilte Palette von Festivitäten und Ausstellungen – dazu ein paar Veröffentlichungen.

Das „Mittelalter-Spektakel" vom August, mit Ritterturnieren, Mittelalter-Markt und Kinderprogramm soll man gnädig beurteilen. Ein jeder Anlaß lebt auch von gewöhnlichen und volkstümlichen Veranstaltungen.

Die Sonderausstellung Von Krieg und Frieden des Historischen Museums war in gewissem Sinne sogar nützlich durch den Versuch, eine repräsentative Auswahl von Objekten aus der ganzen Geschichte Berns zu zeigen.

Aber eine Anmerkung ist gleichwohl zu machen: In der ganzen Ausstellung fand sich kaum ein Gegenstand, der älter war als 300 Jahre!

Und mit Fälschungen wird auch hier Propaganda gemacht:

Da wurde eine Goldmünze Karls des Grossen gezeigt, politisch korrekt im Sinne der heutigen deutsch-französischen Freundschaft: Das Goldstück wurde angeblich in Arles (Frankreich) geprägt und in Ingelheim (Deutschland) gefunden. – Wer glaubt einen solchen Unsinn? Bisher wurde noch nicht einmal behauptet, daß dieser „Karl der Grosse" in Gold geprägt hat!

Die Herausgeber des dazugehörigen Ausstellungskataloges geben unumwunden zu: Es ist heute zweifellos schwieriger geworden, „Geschichte" der Bevölkerung näher zu bringen. Pathetische Reden sind nicht mehr gefragt, der vaterländische Geist vergangener Tage scheint weitgehend abhanden gekommen zu sein (Von Krieg und Frieden, Bern 2003, Seite 7).

Das Jubiläum Bern im Bunde der Eidgenossen machte nicht glücklich. Man hätte es besser machen können. – Doch wenigstens gab es keine Mißklänge, könnte man meinen.

Doch leider gibt es eine solche Dissonanz.

Eine neue Geschichte des alten Berns

Berns Geschichte wird alle paar Jahrzehnte neu geschrieben. Richard Feller veröffentlichte seine berühmte Geschichte Berns zwischen 1946 und 1960 in vier Bänden.

Anfangs der 1980er Jahre erschien die Illustrierte Berner Enzyklopädie in vier Bänden. Dieses Werk umfaßte nicht nur Geschichte und Kunst, sondern auch Natur und Geographie.

Seit 1999 wird die Berner Geschichte im Rahmen eines Programms „Berner Zeiten“ wiederum neu geschrieben. Die Einteilung geschieht jetzt nach Jahrhunderten. – Man erinnert sich, daß bereits Eduard von Rodt zu Beginn des 20. Jahrhunderts in sieben Bänden nach diesem Grundsatz eine Kulturgeschichte der Stadt geschrieben hat.

Als erster Band der neuen Berner Geschichte ist 1999 Berns große Zeit erschienen, der ein „15. Jahrhundert" unserer Zeitrechnung begründen will.

Schon damals hatte ich bei diesem Werk ein flaues Gefühl: Da wurde versucht, das Panorama einer angeblich großen Epoche Berns zu zeichnen. Aber weshalb war diese Zeit groß? Nicht wegen der „Burgunderkriege", sondern deshalb, weil die Berner Geschichtserfindung die ältesten historiographischen Werke in jener fiktiven Auseinandersetzung mit einem Feind im Westen ansiedelte.

Doch trotz dem gewichtigen Umfang des Werkes, der prachtvollen Ausstattung mit farbigen Bildern und Graphiken und eines großen Stabes von Mitarbeitern konnte es nicht gelingen, der angeblichen großen Zeit Berns Glaubwürdigkeit einzuhauchen.

Man hätte meinen können, daß man vier Jahre später etwas kritischer sein werde. Aber darauf durfte man nicht hoffen. Im Gegenteil! Jetzt wurden erst richtig alle Register gezogen, um noch ältere Zeiten Berns als wahr darzustellen.

Mutige Männer in grauer Vorzeit?

Herausgekommen ist ein Buch, das Zorn und Ärger in gleicher Weise hervorruft: Berns mutige Zeit (Bern, 2003); der Versuch, ein „13. und 14. Jahrhundert" Stadtgeschichte als glaubhaft und unwidersprochen darzustellen.

Einen Einwand gegen die beiden erwähnten Bände schon von den Titeln her:

Vor siebenhundert und sechshundert Jahren soll es in der Aare-Stadt "große" und "mutige" Leute gegeben haben: Wo sind diese Helden und Größen geblieben? -. Heute gibt es wohl nur mehr Anpasser, Duckmäuser, Opportunisten und kleinkarierte Geister!

Wenn man glorreiche Männer und Epochen in unwirklich ferne Jahrhunderte verschieben muß, dann stimmt etwas nicht an der geschichtlichen Sehweise.

Der Ausstellungskatalog Krieg und Frieden räumt wie gesagt wenigstens ein, daß die ältere Geschichte heute problematisch geworden ist.

Die Autoren von Berns mutige Zeit hatten dergleichen Bedenken nicht. Für sie galt der Grundsatz: Je älter die Geschichte, desto festgefügter und unwidersprochener ist sie. Mit einem gegenüber Berns großer Zeit noch größeren Aufwand wurde versucht, eine Geschichte als wahr hinzustellen, die es nie gegeben hat.

Die beiden erwähnten Werke sind nicht Geschichtsbücher, sondern illustrierte Märchenbücher.

Bern im Mittelalter?

Berns mutige Zeit versucht - wie einige Jahre früher Berns große Zeit - eine Existenz der Stadt in einem sagenhaften „Mittelalter“ zu begründen. – Das kann nicht gelingen, weil es aus diesen alten Zeiten weder glaubwürdige Aufzeichnungen gibt, noch sichere Zeitstellungen. – Und jede kulturgeschichtliche Evidenz spricht gegen die Existenz eines „Mittelalters" - ja sogar einer Menschheit im heutigen Sinne - vor über 500 Jahren.

Nun gibt es jedoch Kunstgegenstände und Bauten, die nachweislich weiter als die Geschichtszeit zurückreichen. – Aber diese lassen sich nicht datieren. Und vor allem werden die alten Kulturepochen wie „Römerzeit", „Mittelalter", „Romanik" und „Gotik" in ihrer zeitlichen Länge maßlos überschätzt. Wie müssen Jahre oder höchstens Jahrzehnte annehmen, wofür das konventionelle Geschichtsbild Jahrhunderte einsetzt.

Als Fazit ergibt sich, daß wir über einige Jahrzehnte vor der Geschichtszeit nur Vermutungen und Annahmen abgeben können. – Und diese müssen ständig geändert werden. – Keine Wissenschaft vermag die umfassende Geschichtsnacht zu durchbrechen.

Der geheime Bauplan des Werkes

Die Herausgeber und wichtigen Mitarbeiter von Berns mutiger Zeit wußten von diesen geschichtskritischen Einwänden nichts. – Aber trotzdem scheinen sie etwas geahnt zu haben. Je weiter man sich nämlich in das Werk vertieft, desto mehr merkt man, daß gewisse Überlegungen angestellt wurden.

Eine geheime Blaupause wird in Berns mutige Zeit erkenntlich. Diese läßt sich in ungefähr so skizzieren.

Zuerst wurde abgemacht, daß nirgends auch nur ein Anflug von Kritik stehen sollte. Alles sollte in einer selbstsicheren Art so dargestellt werden, als gäbe es in der älteren Geschichte Berns überhaupt kein Problem.

Unausgesprochen mußte vor allem ein grundsätzliches Makel einer behaupteten Geschichte Berns „im 13. und 14. Jahrhundert" vertuscht werden: Auch wenn man den Zuschreibungen und Datierungen glaubt, so bleibt doch der Umstand, daß die frühesten Stadtchroniken lange nach dem Ende der behaupteten Epoche entstanden sind.

Man behalf sich damit, daß man etwa die Berner Chronik von Konrad  „Justinger" in unanständiger Weise  in den Himmel lobt.

Und mit allen Mitteln wird versucht, die Cronica de Berno - einen mageren Auszug von acht Druckseiten aus der Justinger-Chronik - als „zwischen 1325 und 1344 entstanden" hinzustellen.

Aber je länger man das Buch analysiert, desto mehr merkt man, daß die Autoren den gepriesenen Justinger nicht verstehen. Der alte Chronist wird gelobt, willkürlich verbessert oder ignoriert, ganz nach dem Gutdünken der Herausgeber.

Vor allem verstehen die Schreiber nicht, daß Justinger nicht Geschichte schreiben, sondern eine sinnstiftende religiöse Begründung der Existenz Berns geben will. Das führt in Berns mutige Zeit zu grotesken Unstimmigkeiten.

Die Gründungssage Berns etwa wird ausführlich erörtert und schließlich mit spitzfindigen Argumenten als plausibel hingestellt. – Dabei werden sogar paläobotanische (!) Belege herbeigeholt.

Doch von der eigentlichen Helden- und Schlachtengeschichte Berns, welche der Titel des Werkes antönt, bleibt nicht viel übrig.

Die Schlacht von Laupen – immerhin im Volk noch heute als großer Sieg Berns lebendig – wird stiefmütterlich und nachlässig abgehandelt.

Und die Schlacht von Jammertal – für Berns Geschichtslegende ebenso wichtig wie Laupen – fehlt völlig. – Was soll das? Da verspricht man die geschichtlichen Anfänge der Stadt darzustellen und läßt eines der bedeutendsten Ereignisse aus – nur weil „moderne" Historiker damit nichts anfangen können und dafür keine Urkunden sprechen!

Dafür wird breiten Raum dem Modethema „Bündnis- und Territorialpolitik" eingeräumt. – Aber wie will man eine Entwicklung begründen, wenn man sich dafür auf wertlose Urkunden aus viel späterer Zeit abstützt?

Urkunden werden in diesem Buch wie sakrosankte Erzeugnisse behandelt. Daß dahinter Menschen und Mächte mit sehr handfesten Gegenwartsinteressen standen, daß alle Diplome deshalb Fälschungen sind, darf nicht einmal erwogen werden.

Doch es gibt eine Ausnahme: Die berühmte Berner Handfeste von „1218" – oder „1208" wird als Fälschung aus der Zeit des Interregnums, zwischen 1250 und 1273" hingestellt. Damit wird dem bereits Jahrhunderte alten Streit um die Echtheit dieser Urkunde ein bescheidener Tribut gezollt. – Da lobt man doch eher Hans Strahm, der 1953 behauptet hatte, dieses Diplom sei echt und stamme tatsächlich aus dem Jahr, das auf dem Dokument angegeben ist.

Die großformatigen Abbildungen von Urkunden nützen den Herausgebern nichts: Alle Diplome sind weniger als 270 Jahre alt und deshalb historisch wertlos.

Bilderpracht

Wenn die politische Geschichte trotz aller Bemühungen nicht plausibel wird, so versucht man sie wenigstens mit Bildern zum Glänzen zu bringen. Das Werk ist überreich mit Farbbildern illustriert.

Neben Urkunden, Seiten aus Handschriften und Chroniken werden sogar Buchumschläge (!) in Reproduktion gezeigt. – Was will man damit erreichen? – Offenbar hofft man das Publikum zu beeindrucken: Seht doch die schönen und kostbaren Handschriften, welche in unseren Archiven schlummern! Sollte da jemand an einem christlichen „Mittelalter" und an Berns großer und mutiger Zeit zweifeln?

Auch gegen die Illustrationen gibt es Einwände.

Fast bis zum Überdruß werden Reproduktionen von Burgen-Aquarellen von Kauw gezeigt. – Doch diese stammen etwa aus der Mitte des 18. Jahrhunderts, wie ich nachgewiesen habe (Kauw, ein Berner Maler um 1760/1770). – Wie man damit eine Zeit begründen will, die damals schon über 300 Jahre vergangen war, wird verschwiegen.

Illustrationen aus den Berner Bilderchroniken, vor allem Diebold Schillings sogenannter Spiezer Chronik, werden bis zum Exzeß wiedergegeben. Man hat den Eindruck, als sei das gesamte Bildmaterial jenes Werkes verwertet worden. – Man hätte zum Jubiläums-Jahr ebenso gut eine Faksimile-Ausgabe jener Chronik herausgeben können.

Selbstverständlich werden auch bei „Diebold Schilling" keine Fragen gestellt. – Wie konnte ein späterer Künstler vergangene Jahrhunderte glaubwürdig illustrieren?

Und wie bei „Justinger" fehlen bei den Berner Bilderchroniken, also „Tschachtlan" und „Diebold Schilling" die elementarsten quellenkritischen Überlegungen. – Man hätte zugeben müssen, daß alle Chronisten auf der gleichen zeitlichen Ebene stehen und ihre Entstehung im 18. Jahrhundert nur schlecht verhüllen.

Gotik im „13. Jahrhundert"?

Nicht nur mit Bildern versuchte man das Glaubwürdigkeits-Manko einer Geschichte Berns in altersgrauer Vorzeit zu füllen. Noch viel mehr wird die Kunstgeschichte und die Mittelalter-Archäologie herangezogen.

Nach der Einleitung findet sich als zweites Kapitel eine kurze kunsthistorische Betrachtung über die Gotik.

Warum das Thema an vorderster Stelle? - Man merkt bald weshalb: Die Kunstgeschichte ist eine Sklavin der konventionellen Geschichte. Sie folgt blind allen erfundenen Geschichten und Zeitstellungen. – Die Gotik hat demnach „Mitte des 12. Jahrhunderts" begonnen.

Mit dem absurd frühen Beginn dieses Baustils – dessen wahrer Beginn etwa auf 1740 zu setzen ist – kann man wunderbar die Baugeschichte von "Berns großer und mutiger Zeit" begründen.

Also ist die gotische Französische Kirche in Bern „um 1300" ansetzen. - Da braucht es nicht zu stören, daß noch für über vier lange Jahrhunderte alle Belege für dieses Bauwerk fehlen.

Und mit dem Bau des gotischen Münsters von Bern wurde also „um 1420" begonnen. – Hat man wirklich zweihundert Jahre an dem Dom gebaut?

Archäologie im Dienste der Geschichtserfindung

Wie die Kunstgeschichte, so erweist sich der junge Zweig der Mittelalter-Archäologie als gehorsame Dienerin ihrer Geschichtsherrin. - Mit modernsten Methoden legt diese Disziplin altes Gemäuer frei und erforscht den Boden flächenhaft.

Wo Leute gewohnt haben, da bleiben bekanntlich immer Spuren übrig. Aber was sagen diese Reste aus? Und aus welcher Zeit stammen sie? - Wie soll man Steine und Holz datieren?

Solche skrupulösen Überlegungen plagen diese Wissenschaft nicht. Mit staatlichem Geld wird an allen nur möglichen Orten gegraben und werden angeblich felsenfeste und sensationelle Ergebnisse präsentiert. – Mit einer arroganten Selbstsicherheit wird jedem Gemäuer bis auf ein Vierteljahrhundert genau seine Zeit zugewiesen, die es in einer absurden historischen Konstruktion zu spielen hat.

Also stand der Christoffelturm – ein Tor der letzten mittelalterlichen Stadterweiterung vor dem Bau der Schanzen - schon „um 1350". – Wurde also während Jahrhunderten an Berns Wehrbauten nur mehr geflickt und ausgebessert?

Die Sensationen, welche die Mittelalter-Archäologie hervorbringt, sind auch nicht immer dazu angetan, Interesse zu wecken:

Was soll zum Beispiel eine archäomedizinische Erörterung über den „Gesundheitszustand der Cluniazenser-Mönche auf der Sankt Petersinsel" im Mittelalter?

Und an der Gerechtigkeitsgasse finden sich in einem Haus aus dem frühen 18. Jahrhundert plötzlich Wandmalereien, die „800 Jahre" alt sein sollen. – Für wie dumm halten diese Fachleute eigentlich ihr Publikum und die unabhängigen Forscher?

Einzelheiten

Das Werk will ein Bern in einem angeblichen 13. und 14. Jahrhundert belegen. Aber mit den zeitlichen und örtlichen Abgrenzungen nehmen es die Autoren nicht so genau.

Also wird zum Beispiel das Zinktäfelchen vom Thormannbodenwald mit der keltischen Inschrift reproduziert und behandelt. – Aber dieses gehört doch in die „gallorömische" Zeit und die war nach den Fachleuten mehr als 1000 Jahre vor der Gründung Berns!

Und wie kommt die Ordensburg von Marienburg in Westpreußen samt Foto in dieses Werk. – Politisch korrekt sind die Herausgeber aber auf jeden Fall: Die Burg heißt bei ihnen „Malbork" – der heutige polnische Name.

Ganze acht Seiten werden der Klosterkirche Königsfelden und ihren Glasfenstern gewidmet. Dieses Kunstdenkmal hat zwar nichts mit Bern zu tun. Aber die technologisch aberwitzige Datierung der Fenster „um 1310" ist offenbar willkommen, um eine so frühe Zeit zu belegen.

Mit üppigen Grafiken des angeblichen mittelalterlichen Stadtgrundrisses erfährt man schon im „14. Jahrhundert" – teilweise noch früher – welcher Burger genau in welcher Gasse und an welcher Hausnummer wohnte – Jahrhunderte bevor eine plausible Geschichte einsetzt!

Unglaublich auch, wie viele sagenhaft früh datierte Kunstwerke und Bauelemente sich in Kirchen des Bernbiets erhalten haben.

Die Pfarrkirche in Aeschi besitzt einen Apostelzyklus vom „frühen 14. Jahrhundert". – Und im Schloss Köniz haben sich hölzerne Balken von „ungefähr 1260" erhalten! – Die bernischen Landvogteischlösser waren auch alle schon in mutiger Zeit vollendet, so daß man sich bis ins Barockzeitalter offenbar auf Reparaturen beschränken konnte.

Man könnte Dutzende von solchen verqueren und absurden Datierungen aufzählen. Der Ärger über diese unmöglichen Zuweisungen läßt dies nicht zu.

Manchmal fragt man sich dennoch, ob denn jedes Fünkchen Verstand systematisch ausgeschaltet wurde.

Zum Beispiel werden Fragmente jüdischer Grabsteine besprochen. Diese sind dem Stil nach frühestens im 18. Jahrhundert entstanden. Und Hebräisch ist eine Sprache, die erst nach 1700 geschaffen wurde.

In dem Buch aber wird der jüdische Grabstein ins "14. Jahrhundert" gesetzt und soll ein Judentum in Berns mutiger Zeit begründen.

Zwischen dem herzzerreißenden Schwachsinn, der über viele hundert Seiten ausgebreitet wird, hat es auch ein paar interessante Einzelheiten. Aber eingebettet in diese geballte Ladung von unmöglichen Behauptungen und Zuweisungen verliert man die Lust, diese Dinge herauszugreifen und läßt so die wenigen brauchbaren Elemente liegen.

Ein ärgerliches Werk

Der Grundplan von Berns mutige Zeit mutet wie eine Verschwörung gegen die Geschichtskritik und den gesunden Menschenverstand an. Die wichtigsten Beiträge sind unhaltbar schon in ihren Annahmen. Die Beweise für eine alte Zeit halten nicht. Von Quellenkritik ist keine Rede. Eine ganze Wissenschaft wird verraten.

Berns mutige Zeit ruft nur Ärger und Verdruß hervor. Man merkt an vielen Einzelheiten, wie flüchtig das Werk zusammengestellt wurde. Schon bei oberflächlicher Betrachtung fallen häßliche Fehler auf. Ein Lektorat scheint es nicht gegeben zu haben. Gewisse Autoren schreiben in einem abgrundtief schlechten Stil. Oberstes Prinzip war, auf Teufel-komm-raus zu belegen, daß vor angeblich 650 Jahren tatsächlich das Ereignis stattgefunden hat, das man zu feiern vornahm.

Man fragt sich, für wen dieses ärgerliche Werk bestimmt ist. Für den Fachmann? – Doch nur für den, der nicht an dem Geschichtsbild zweifelt! - Für den Laien? – Will man etwa das Publikum für dumm verkaufen?

Eine hochbezahlte Gilde von offiziellen "Fachleuten" hat mit diesem Buch ihren geistigen Bankrott offenbart. Diesen Leuten fällt nichts mehr ein als zum hundertsten Mal die alte Leier zu spielen, vom "Mittelalter", von den Urkunden, von wackeren Leuten in nebelhaften Zeiten.

Schon der Druck des Werkes muß Hunderttausende von Franken gekostet haben. – Und weil Stadt, Kanton und Burgergemeinde das vollumfänglich bezahlt haben, mußte man sich nicht erst die Mühe nehmen, das Buch zu verkaufen. Einen großen Teil der Auflage hat man großzügig verschenkt: Mehrere tausend Exemplare wurden – wie schon bei Berns großer Zeit – an alle möglichen Personen und Vereine gratis abgegeben.

Der finanzielle Aufwand für dieses unhandliche Buch ersetzt nicht die fehlende Glaubwürdigkeit des Inhalts. Wenn mit viel Geld nur Ärger und Verdruß für den kritischen Geschichtsforscher produziert wurde, so ist ganz offensichtlich der Zweck verfehlt worden.

Eine Einzelheit zum Abschluß beweist mit seltener Deutlichkeit, wie sehr die Herausgeber von Berns mutige Zeit bedacht waren, jeden Ansatz von Kritik zu verbannen.

Anfangs 2000 veröffentlichte ich in einer deutschen Zeitschrift einen Aufsatz Bern – eine Zähringerstadt im Lichte ihrer ältesten Urkunde (Zeitensprünge, 1/2000, 152 – 173. - Darin übte ich ein erstes Mal Kritik an der Gründungssage von Bern, am Chronisten Justinger, an der Handfeste von Bern – also an den wesentlichen Pfeilern der bernischen Geschichtsbehauptung. – Die Arbeit ist in der Berner Bibliographie zur Geschichte verzeichnet und in den Bibliotheken zugänglich.

Das Literaturverzeichnis von Berns mutige Zeit verzeichnet alles, was über die Geschichte Berns in jenen älteren Zeiten geschrieben wurde. Nur mein Artikel fehlt. – Diese Kleinigkeit sagt doch alles! - Die Herausgeber wußten genau, was sie taten.

Zurück zu Richard Feller und Josef Viktor Widmann?

Die Autoren von Berns mutige Zeit meinten, mit Aufwand und Farbenglanz jeden Zweifel an der Geschichte zu verscheuchen. – Sie haben das Gegenteil erreicht.

Wenn man dieses ärgerliche Werk durchgeht, bekommt man manchmal Sehnsucht nach den alten Zeiten und Richard Fellers Werk Geschichte Berns.

Oder man möchte wieder den Berner Marsch von Josef Viktor Widmann anstimmen: Waren das nicht große Zeiten, als mutiger Krieger Schritt durch die Lauben hallte und in jungen Herzen der alten Helden Taten zündete?

Leider kann man das Rad der Zeiten nicht zurückdrehen. Auch in der Geschichte muß man vorwärts schauen und sich neuen Herausforderungen stellen.

Also läßt sich eine alte Heldengeschichte nicht mit modernen Mitteln aufmotzen. Die Beschwörung einer illusionären mutigen und großen Zeit geht daneben.

Bern braucht eine andere Geschichte, eine neue Sicht seiner Vergangenheit.