Der Barock: ein Bau- und Kunststil zwischen ca. 1770 und 1790

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Die Karlskirche in Wien: Gegen Anfang oder gegen Ende des 18. Jahrhunderts anzusetzen?


Von der Gotik zum Barock

Vor kurzem habe ich hier eine Betrachtung über die Baugeschichte des gotischen Berner Münsters veröffentlicht. Fazit der Betrachtungen ist: Die Gotik als Bau- und Kunststil ist zwischen der Romanik und dem Barock anzusetzen. In einer verkürzten Chronologie können dieser Kunstepoche höchstens zwei Generationen zugebilligt werden. - Zudem ist dieser "mittelalterliche Stil" weniger als dreihundert Jahre vor heute entstanden. In der AD-Zeitrechnung kann man die Gotik etwa zwischen 1740 und 1760 sehen.

Die Schätzung stützt sich vornehmlich auf die augenfälligen und einsichtigen Befunde: Noch heute erhaltene Bauwerke aus vorgeschichtlicher Zeit haben nur selten ein Alter von dreihundert Jahren. Die Romanik war der erste "mittelalterliche" Stil, der aber bald von dem neuen, dem gotischen Stil abgelöst wurde. Viele Kathedralen wurden romanisch begonnen und gotisch weitergeführt und vollendet. Auch im Grundriß sind gotische und romanische Kirchen oft schwer auseinanderzuhalten.

Die ältesten Stadtbilder Europas entstanden etwa in den 1750er Jahren.

Die Schanzen, die Sternschanzen mit Bastionen im Stile der Holländer oder eines Vauban sind vielleicht ab 1760 gebaut worden

Ich setze die Merian-Bilder und sonstigen Stadtansichten in  die 1760er Jahre: Der Auf- und Ausbau der Städte ist abgeschlossen. Doch noch fehlt die barocke und klassizistische Umgestaltung von Kirchen, Stadttoren und Bürgerhäusern. Und auch die barocken Paläste sind noch nicht im Bild.

Das Merian-Bild der Stadt Bern (Abbildung) diene als bildlicher Beweis.

Die Merian-Ansicht der Stadt Bern: Sie gehört aus Gründen der Evidenz in die 1760er Jahre: Die Gotik ist vollendet, der Barock hat noch nicht begonnen.

Der Stich zeigt die Stadt mit vollendeten Sternschanzen: Das Zeitalter der Feuerwaffen hat endgültig begonnen und das "Mittelalter" beendet.

Geschichtlich befinden wir uns bei diesem Bild immer noch in einer Grauzone: Was damals geschehen ist, können wir nur aus Indizien erschließen.


Im Übrigen ist die Gotik und der Barock in den Parametern der von mir dargelegten Geschichts- und Chronologiekritik zu sehen.

Die unmöglich lange Epochendauer des Barock

Die absurde konventionelle Chronologie zwingt auch den Kunstepochen überlange Zeiten auf. Die Gotik zum Beispiel ist demnach "um 1150" entstanden. Aber deren Ausläufer wirkten angeblich noch bis weit in das 18. Jahrhundert.

Doch der Geschmack, damit die Kunststile, ändern sich schnell. So wie die Gotik nur ein paar Jahrzehnte wirkte, so auch der Barock.

Die konventionellen zeitlichen Zuschreibungen auch der barocken Kunst- und Bauwerke sind folglich falsch und müssen chronologisch neu eingeordnet werden.

Im Folgenden sollen ein paar barocke Bauwerke erwähnt werden, und mit ihnen ein paar Argumente für eine neue zeitliche Ansetzung des Beginns und der Dauer dieses Stils.

Klar also ist: Die barocke Baukunst begann nach 1760 - vielleicht sogar erst um 1770 - und dauerte mit dem Rokoko bis etwa zur Französischen Revolution, um im Klassizismus weitergeführt zu werden.

Die Versailles-Aporie: Welcher König Ludwig hat das Prunk-Schloß gebaut?

Seit Jahrzehnten machte mich eine chronologische Diskrepanz zwischen behaupteter Geschichte und Baustil stutzig: Der Prunkschloß von Versailles.

Nach dem Geschichtsbuch soll Versailles vom Sonnenkönig Ludwig XIV. ("1643 - 1715") erbaut worden sein - und zwar nicht gegen Ende seiner Regierungszeit, sondern hauptsächlich in den 1680er Jahren.

Der überdimensionierte Hof von Versailles hat die französischen Staatsfinanzen überbeansprucht. Der Staatsbankrott Frankreichs um 1788 war Auslöser der Französischen Revolution, die König Ludwig XVI. den Kopf gekostet hat.

Diese Geschichte muß kritisch hinterfragt werden.

- Ludwig XIV. wird eine unmöglich lange Regierungszeit angedichtet. Und er hat Versailles in seinen besten Mannesjahren, nicht gegen sein Lebensende realisiert. Wann also wurde das Schloß gebaut?

- Versailles hat die französischen Staatsfinanzen zerrüttet. - Aber sind die Folgen, also Bankrott und Revolution, erst hundert Jahre später aufgetreten?

Die Geschichte muß so geradegestellt werden:

Ein König Ludwig, gleich welcher Ordnungszahl, hat Versailles in barockem Stil um 1780 gebaut. Der Bau kostete so viel, daß sich die finanzielle Notlage des Landes bald darauf (1788/1789) in einer Revolution Luft machte.

Die wahre Geschichte läßt Versailles auch erst in den 1780er Jahren eintreten: 1783 wurde dort der Friede zwischen England und den abtrünnigen Kolonien Nordamerikas (den USA) geschlossen.

Die Baugeschichte selbst sagt, daß Versailles erst gegen das ausgehende Ancien Regime vollendet worden ist.

Der Petersdom in Rom: zu früh, zu lang, zu prunkvoll

Zuerst ist mir die unmögliche Baugeschichte des Barocks an der Peterskirche aufgefallen. Diese soll bereits "zu Beginn des 16. Jahrhunderts" geplant worden sein. Es heißt, Papst Julius II. habe "um 1506" den Abbruch der "1200-jährigen" Konstantinischen Petersbasilika beschlossen.

Eine Zwischenüberlegung: Wie kann man klaren Geistes ein 1200 Jahre altes Gebäude behaupten? - Hier sind Verstand und Gefühl vollkommen ausgeschaltet!

Mit dem neuen Petersdom habe sich zuerst das Universalgenie Michelangelo beschäftigt - der bekanntlich auch die Tore der "Aurelianischen" Stadtmauer in Rom schuf. - Bramante habe den ersten Entwurf geliefert. Doch auch unter den folgenden Bauherrn, also Raffael, Sangallo und Peruzzi sei das neue Bauwerk nur schleppend vorangekommen. Erst Carlo Moderno (der Moderne!) habe die Sache beschleunigt und die Petersbasilika "1612" vollendet.

Ein volles Jahrhundert habe der Bau des Petersdoms gedauert. - Immer noch weniger als die vielen Jahrhunderte Bauzeit der gotischen Dome, aber dennoch zu früh, zu lang und stilistisch absurd für diese Zeit.

Der Petersplatz mit seinen Kolonnaden hingegen sei von Bernini in kaum zehn Jahren, "1657 bis 1667" angelegt worden.

Den wertvollsten Hinweis auf die wahre Baugeschichte von Neu Sankt Peter in Rom gibt der holländische Zeichner Maarten von Heemskerck. Dieser porträtierte die Tiber-Stadt nach einer offenbar durch einer Flut verursachten Katastrophe: Der Bogen des Septimius Severus steht dort - wie auch auf Zeichnungen von Lorrain - zu einem Drittel im Schlamm oder Wasser.

Und Maarten von Heemskerck dokumentierte den Abbruch der alten Basilika von St. Peter: Das neue Gotteshaus wurde in das alte hineingebaut und letzteres nach und nach abgerissen.

Der genannte holländische Künstler hat vielleicht um 1760 in Rom gewirkt. Er zeigt eine zerstörte "antike" und eine dem Abbruch geweihte "mittelalterliche" Stadt, die schnell zu einem Baukörper umgeformt wurde, der von den Baustilen der Renaissance und dann des Barock beherrscht wurde.

Rom beweist also, daß der Barock in den 1760er Jahren entstanden ist.

Die barocken Fürstenresidenzen Europas: zu früh, zu groß, zu prunkvoll

Was von Versailles und dem Petersdom in Rom gesagt wurde, gilt für alle anderen Schlösser und Kirchen Europas, die fast ausnahmslos viel zu früh datiert werden. - Der Grund ist immer der gleiche: Man glaubt den gefälschten Daten der Geschichte und übersieht die augenfällige Evidenz, die den Bauten ein oft viel jüngeres Baudatum zuweist.

Als Versailles errichtet wurde, brach an allen Fürstenhöfen der bauliche Nachahmungswahn aus: Man wollte das französische Königsschloß wenn nicht an Größe übertreffen, so doch ihm an Prunk und Aufwand gleichkommen.

Also bauten die Bourbonen in Neapel in den 1780er Jahren ihre Reggia in Caserta, ebenfalls mit einem repräsentativen Prunkgarten. Das Schloß von Caserta stellt ein Mittelding dar zwischen Versailles und Schönbrunn.

Apropos Schönbrunn: Wie kann man einem solchen spätbarocken Schloß, das vielleicht in den 1780er Jahren gebaut wurde, einen Baubeginn "1696" zuschreiben? - Und wie soll das Belvedere in Wien "um 1720" errichtet worden sein?

Doch alle europäischen Fürstenhöfe bekamen solche unmöglich frühe Daten zudiktiert:

Der Zwinger in Dresden mit seinen üppigen spätbarocken Verzierungen soll "1697 - 1716" errichtet worden sein. - Zu dieser Zeit gab es die Stadt Dresden noch nicht einmal.

Das Berliner Stadtschloß soll "1698" begonnen worden sein, das Stadtschloß von Potsdam sogar schon "1664". - Doch das Königreich Preußen kann sich erst im zweiten Drittel des 18. Jahrhunderts ausgebildet haben.

Der erste preußische König hieß Friedrich, genannt der Grosse. Aber dieser ist erst seit den 1760er oder besser 1770er Jahren glaubwürdig. - Also wurde seine Lustresidenz Sanssouci auch erst in dieser Zeit errichtet - und nicht "ab 1745" wie uns die Kunstgeschichte vorlügt.

Falsch, also zu früh datiert, sind folglich auch die anderen barocken Fürstenschlösser Europas. Hier sollen nur erwähnt werden: Berlin-Charlottenburg, die Residenz Würzburg, Blenheim Palace in Oxfordshire (England), Hampton Court Palace (England), das Jagdschloß Stupinigi im Piemont, der Palast von Aranjuez und das Königsschloß in Madrid.

Der Winterpalast in Sankt Petersburg (Rußland) wirkt schon eher klassizistisch. Er gehört daher eher in die 1790er Jahre als in die Zeit "zwischen 1754 und 1762".

Gewisse Barockschlösser bekamen so frühe Baudaten, daß man nur den Kopf schütteln kann:

Das Schloß Vaux-le-Vicomte soll "zwischen 1612 und 1670" errichtet worden sein: ein barockes Schloß noch vor den Römern und mit einer Bauzeit von drei Generationen?

Den Vogel schießt die Datierung des riesenhaften Escorial in Spanien ab: Dieser Kloster-Komplex soll "zwischen 1563 und 1584" errichtet worden sein: Barocke Sakralarchitektur in prähistorischen Zeiten?

Mit solchen irrealen Zeitbestimmungen befördert sich die Geschichte und Kunstgeschichte von selbst ins Märchenland.

Die Barockkirchen in Europa: von Melk über St. Gallen bis zur Karlskirche in Wien

Was von dem neuen Petersdom in Rom gilt, ist auch für alle anderen Barockkirchen Europas gültig: Diese haben eine zeitliche Untergrenze, welche von den offiziellen Datierungen teilweise grotesk überzogen wird.

Wie kann man der mehr klassizistischen als barocken St. Paul's Cathedral in London eine Bauzeit "zwischen 1675 und 1711" zudichten? - Hier wird jede emotionale Evidenz mißachtet.

Das Benediktinerstift Melk in der Zeit "zwischen 1702 und 1738" entstehen zu lassen, ist ebenfalls ungeheuerlich bis frech.

Das Gleiche gilt, ebenfalls in Österreich, für die Karlskirche in Wien (siehe Abbildung). Auch wenn der Architekt Johann Bernhard Fischer von Erlach geheißen hat: Vor etwa 1780/1790 ist der Bau kaum anzusetzen.

Bei der Karlskirche in Wien sind ferner die beiden den Eingang flankierenden Triumphsäulen zu erwähnen. Diese stellen offenkundige Bauzitate aus Rom dar. Doch die beiden römischen Bildsäulen, die Trajanssäule und die Säule des Marc Aurel, sind als spätrömisch anzusetzen. Wie das Pantheon können sie frühestens vor vielleicht 300 Jahren errichtet worden sein.

Die Stiftskirche St. Gallen soll "zwischen 1721 und 1770" errichtet worden sein: Das letztere Datum scheint plausibel zu sein für den Baubeginn. Die Stiftsbibliothek St. Gallen jedenfalls ist mit seiner Rokoko-Architektur in die Zeit zwischen 1775 und 1780 zu setzen.

Man könnte Dutzende von weiteren Barockkirchen nennen.

Und vor allem ist zu erwähnen, daß viele romanische und vor allem gotische Kirchen nachträglich barockisiert wurden. Aber die Gotik steht unmittelbar hinter dem Barock. Der zeitliche Zusammenhang ist eng.

Die holländischen Maler des 16. und 17. Jahrhunderts gehören ins 18. Jh.

Man bewundert die Meisterschaft der holländischen Maler des Goldenen Zeitalters, also der ersten zwei Drittel des 17. Jahrhunderts.

Stammen deren Gemälde jedoch wirklich aus jener Zeit? - Befürworter werden einwenden, daß deren Werke nicht nur signiert, sondern häufig auch datiert seien - wie bei Dürer "um 1500".

Aber erstens ist die Jahrzählung Anno Domini erst etwa vor schätzungsweise 280 Jahren vor heute aufgekommen. - Und diese Zählung diente zuerst ausschließlich zur Rück- und Falschdatierung. Also ist weder auf Datierungen noch auf Signaturen Verlaß.

Die großen holländischen und flämischen Maler, ob Rembrandt oder Franz Hals oder Jacob van Ruisdael, sind erst ab dem zweiten Drittel des 18. Jahrhunderts plausibel.

Der Beweis dafür ist die englische Malerei des letzten Viertels desselben Jahrhunderts. In dieser Epoche ahmten die englischen Künstler vor allem die holländischen Meister nach. Sie orientierten sich aber an eben geschaffenen Vorbildern, nicht an solchen, die bereits vor hundert und hundertfünfzig Jahren geschaffen worden sind.

Die europäische Malerei begann mit der Gotik und Renaissance und setzte sich ohne Zäsur im Barock fort.


18.10.2009/2013